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Church of Ignorance

Teil der Foreign Tongues Serie 

In Church of Ignorance wird die mächtige Dominikanerkirche vorübergehend zu einem Marktplatz wilder Sprachen, zu einer Art begehbaren, performativ genutzten babylonischen Bibliothek. Der Körper ist in diesem Spiel zunächst nur „Corpus“ – Reservoir und Speicher von Slangs und Dialekten aus ganz Europa. Denn der Körper, so lautet eine gängige These, lüge nicht; er dient hier, in diesem Sinne, als Sensorium und Transkriptor fremder Laute und Geräusche. 


Die Worte, die während der Liturgie der Church of Ignorance zum Einsatz kommen, sind kaum zu verstehen, aber die Zeichen der Körper, die Ergebnisse des Momentanen, Unwiederholbaren der gestisch-mimischen Kommunikation sind deutlich zu entziffern. Die Liquid-Loft-Performer tragen Klangspuren fremder Zungen, Wesen und Orte mit sich, rufen Soundtrack-Sequenzen auf, die sie tänzerisch bearbeiten, modulieren, ergänzen. Was zunächst wie babylonisches Sprachengewirr erscheinen mag, wird durch Granular- und Mikro-Sampling-Techniken zu einer Form der Verständigung, die viel mehr ist als ihre rein sprachliche Bedeutung. Fragen der Identität werden wie Mantren verhandelt, Gesichter verhüllt und Körperteile künstlich erweitert. Die vielfältigen Sprachskulpturen bringen Gestalten hervor, die zu amorphen Wesen transzendieren; zwischen dem erratischen Flow der Silben und dem Esperanto der Bewegungssprache entstehen choreografische Kippbilder und spirituelle Assoziationsräume.



Denn am Ende des Anthropozäns, wenn der Mensch sein Scheitern an der Welt endgültig eingestehen wird, müssen die Perspektiven neu justiert werden, auch (und gerade) jene der Kommunikation. Church of Ignorance ist das utopische Versprechen, der Katastrophe zu entgehen, vielleicht auch zu lernen, die Widersprüche der nachmodernen Welt Schritt für Schritt aufzulösen und mit ihrer immensen Komplexität umzugehen. 

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Church of Ignorance
 ist Teil der Projektserie Foreign Tongues. Liquid Loft widmet sich hier den komplexen Interaktionen zwischen sprachlichen Mitteilungen und deren physischen Begleiterscheinungen und nähert sich mit dem Vokabular der Körpersprache den oft widersprüchlichen Formen der Kommunikation. Ausgangspunkt für die unterschiedlichen Performances sind Sprachaufnahmen, die im Rahmen persönlicher Interviews in verschiedenen Regionen Europas hergestellt wurden.



Liquid Loft: Church of Ignorance 
Uraufführung Donaufestival 2018

Stefan Grissemann

Der Weg vom Glauben zum Wissen ist weit. In der Kirche der Ignoranz sind alle Sicherheiten ausgehebelt, hier hat man sich an Vermutungen zu halten und Vertrauen zu haben. Eine Gruppe dunkel vermummter Ungestalten kauert in der Säulenhalle der Dominikanerkirche: deformierte, verhüllte Wesen, physisch und klanglich in stetiger Verwandlung begriffen. Die Metamorphose ist ein Zentrum dieser Arbeit – von der Reglosigkeit geht es in die wilde Bewegung, von der Ruhe in den Sturm, tour-retour. Die Mutation der Geräusche, ihre Verfestigung zu sprachlichen Zusammenhängen, zu mysteriösen Monologen und undurchdringlichen Kommunikationsabläufen, ist das akustische Pendant zu den Körper- und Gedankensprüngen des Ensembles. Es quietscht und knarrt, knirscht und raschelt. Es atmet, es spricht, es singt. Synthetisches Gelächter brandet auf, die Klänge werden digital zerkleinert, Stille und Lärm fließen ineinander.


Eine Meta-Liturgie findet statt in dieser Church of Ignorance, ein Ritual, das keine spezifische Religion meint, sondern das Metaphysische an sich; die unbestimmte Angst ist dabei so präsent wie die Euphorie – Erstarrung und Entfesselung liegen nah beieinander. Als Säulenheilige, in sich gekehrt, wie von inneren Kräften getrieben, bewegen sich die PerformerInnen vorwärts, gehen (ganz buchstäblich) die Wände hoch, geben sich als mönchische, als messianische Figuren zu erkennen, um im nächsten Augenblick vom Prophetischen zurück ins Profane zu kippen. Tatsächlich wird in Church of Ignorance ein utopisches Spiel mit Images, Tonfällen und Sprachen getrieben. Die Gruppe hantiert, im Kirchenraum frei beweglich, mit maßgeschneiderten Soundfiles, interpretiert die unvertrauten Worte und Töne lippen- und körpersynchron, gestisch, mimisch. Dabei findet ein produktiver gegenläufiger Prozess statt: Die zugespielten Stimmen, all die versunkenen Dialekte und Minderheitenjargons muten durch ihre Präsentation und tänzerische „Transkription“ plötzlich seltsam vertraut an, weil man dabei neu zu hören, zu sehen und zu begreifen beginnt, während die AkteurInnen selbst, im Umgang mit dem Wortgeklingel, sich gefährlich fremd zu werden drohen. Die collagierten Geräusch- und Klangatmosphären gerinnen zur Grundlage imaginärer Prä- und Protosprachen, die von unsichtbaren Gegnern attackiert zu werden scheinen, an den Frontlinien zwischen Mantra-Forschung, Linguistik und Horrorfilmtheorie.

Church of Ignorance setzt Spiritualität, Mensch und Maschine in kühne Ver- und Überblendungen; das Pathos der Transzendenz geht über in jenes der Trance, in den Ritus des Betens, der Versenkung, ins Wahnhafte. Die jähe Stille, die den Noise-Kaskaden und Stimmengewittern zuverlässig folgt, ist die Konsequenz einer lustvollen Überschreitung der Grenzen, die dem Denken, der Fantasie, dem Tanz als Form gesetzt wurden. Die alten Konventionen gelten nicht mehr. Sie sind in der Kirche des Nichtwissens außer Kraft gesetzt.