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Foreign Tongues

Der Standard, 17.2.2017

Helmut Ploebst.
Translation from the German Original.

“Foreign Tongues”: Viennese bodies that speak Uyghur
Liquid Loft show the premiere of their excellent new piece at the Tanzquartier.

Vienna – The word diversity sounds worn out. It shares the fate of all the buzzwords that are forced through too many mouths, screens and printers. It clearly sounds especially spent to those of our contemporaries who never were big on diversity to begin with. The variety of languages, for example.

A well-intentioned antinationalist dream of modernity once formed the global unified language. But at the same time, it was not without dangers – like most global pipe-dreams that confuse the western course with the world’s course. Dancing into the pipe dream of language-levelling we currently see Viennese troupe Liquid Loft at the Tanzquartier with “Foreign Tongues“, the latest piece by Viennese choreographer Chris Haring.

More than the mere sound


In it the three female and two male dancers have to say sentences and dialogues in a variety of languages which the larger part of the audience find hard to identify. No wonder, as they speak, for example, Kazakh or Uyghur, Occitan and Catalan or Burgenland Croatian. There is no over-titling. Nevertheless, there is more than the mere sound of the words.

What Liquid Loft compose into a brand-new choreography, is the multi-faceted nature of all that gives live to the spoken utterance: tonality and melody, facial expression and gestures, the whole expressive repertoire of the body when it articulates itself verbally. Yet Haring doesn’t allow his dancers any imitation or satirizing of behaviour in their body language.

From the off


Instead, situations are created that are presumably related to what is said, but which are elevated to the artificial or abstract. What is more, the speaking does not directly emanate from the mouths of the five figures on stage, but from the off. The dancers only move their lips in sync. These are methods Haring has previously employed, but in “Foreign Tongues” the overdubbing refers to a new level of meaning.

In Liquid Loft’s live performances dubbing points to the fact that our talking and writing is determined by culture that dictates to the communicator their words, their content, and the way they are used. And through the use of technology it is made clear that media is involved in every language culture. What makes “Foreign Tongues” so exciting is the fact that in it the identification of speakers with the languages they use is dissolved.

Without didactic pointing fingers


Neither Katharina Meves nor Stephanie Cumming and Karin Pauer or Luke Baio or Arttu Palmio can speak the languages ​​they use. But they take their sheer otherness quite casually, thus playing at a naturalness of the unfamiliar. Without didactic pointing fingers, but in recognizable situations.

And when, occasionally, there’s a flash of Austrian dialect, the audience laughs, because in these moments they see the spotlight on themselves: as a part of the whole cultural richness of this planet. The sound (Andres Berger) is quite specifically related to the different scenes, as well as the minimal stage and the - sometimes - uncanny light of Thomas Jelinek.

“Foreign Tongues” is a brilliant piece from start to finish. With it Liquid Loft have discovered a convincing new quality for which they earned much applause from the premiere audience.


Der Standard, 17.2.2017

Helmut Ploebst

"Foreign Tongues": Wiener Körper, die uigurisch sprechen
Liquid Loft zeigt im Tanzquartier die Uraufführung ihres exzellenten neuen Stücks

Wien – Das Wort Vielfalt klingt abgenutzt. Es teilt das Schicksal aller Schlagwörter, die durch zu viele Münder, Bildschirme und Drucker müssen. Besonders verbraucht klingt es klarerweise für jene Zeitgenossen, die der Vielfalt an sich schon nicht viel abgewinnen können. Der Vielfalt von Sprachen zum Beispiel.

Ein gut gemeint antinationalistischer Traum der Moderne war einmal die globale Einheitssprache. Aber auch gefährlich – wie die meisten "globalen" Hirngespinste, die "Westläufigkeit" mit Weltläufigkeit verwechseln. In das Gespinst der Sprachenplanierung tanzt jetzt die Wiener Gruppe Liquid Loft im Tanzquartier Wien hinein: mit "Foreign Tongues", dem jüngsten Stück des Wiener Choreografen Chris Haring.

Mehr als der bloße Klang


Darin haben drei Tänzerinnen und zwei Tänzer Sätze und Dialoge in vielen verschiedenen Sprachen zu sagen, die für den Großteil des Publikums schwer zu identifizieren sind. Kein Wunder, denn sie reden zum Beispiel kasachisch oder uigurisch, okzitanisch und katalanisch oder burgenländisches Kroatisch. Übertitelung gibt es nicht. Trotzdem vermittelt sich mehr als der bloße Klang der Worte.

Was Liquid Loft hier zu einer brandaktuellen Choreografie komponiert, ist die Vielschichtigkeit all dessen, was das Ausgesprochene belebt: Tonlagen und -fälle, Mimiken und Gesten, das ganze Ausdrucksrepertoire des Körpers, wenn er sich sprachlich artikuliert. Dabei erlaubt Haring seinen Tänzern keinerlei nachahmende oder Verhalten persiflierende Körpersprache.

Aus dem Off


Stattdessen werden Situationen hergestellt, die inhaltlich vermutlich mit dem Gesagten zusammenhängen, aber ins Künstliche gesteigert oder verfremdet sind. Außerdem kommt das Gesprochene nicht direkt aus den Mündern der fünf Bühnenfiguren, sondern aus dem Off. Die Tänzer bewegen nur ihre Münder dazu. Solche Methoden hat Haring bereits bei zahlreichen Arbeiten eingesetzt. In "Foreign Tongues" wird dem Synchronsprechen aber eine neue Bedeutungsebene zugewiesen.

In Liquid Lofts Liveperformances betont das Dubbing die Tatsache, dass unser Reden und Schreiben von der Kultur bestimmt ist, die den so Kommunizierenden ihre Worte, deren Inhalte und die Art ihres Gebrauchs vorgibt. Und durch den Einsatz von Technik wird auch deutlich, dass Medien in jeder Sprachkultur mitmischen. Was "Foreign Tongues" so mitreißend macht, ist, dass darin die Identifikation der Sprechenden mit den von ihnen verwendeten Sprachen aufgehoben wird.

Ohne didaktischen Zeigefinger


Weder Katharina Meves noch Stephanie Cumming und Karin Pauer oder Luke Baio respektive Arttu Palmio können die von ihnen verwendeten Sprachen anwenden. Aber sie nehmen deren schiere Andersheit ganz lässig auf und spielen so eine Selbstverständlichkeit des für uns Fremden aus. Ohne didaktischen Zeigefinger, dafür aber in wiedererkennbaren Situationen.

Und wenn zwischendurch einmal ein österreichischer Dialekt aufblitzt, lacht das Publikum, weil es sich in diesen Momenten selbst beleuchtet sieht: als Teil des ganzen kulturellen Reichtums auf diesem Planeten. Der Sound (Andreas Berger) ist ganz gezielt in Bezug zu den unterschiedlichen Szenen gesetzt, ebenso wie die minimale Bühne und das teils unheimliche Licht von Thomas Jelinek.

"Foreign Tongues" ist von Anfang bis Ende eine brillante Arbeit. Liquid Loft hat damit eine überzeugende neue Qualität entdeckt, für die es vom Premierenpublikum viel Applaus gab.


Tanz.at, 17.2.2017

Edith Wolf Perez

Mit seiner neuen Produktion erfindet sich Chris Haring neu. Im ersten Teil der Serie, in der der Wiener Choreograf die Sprache in den Mittelpunkt seiner Untersuchung stellt, verzichtet er im Gegensatz zu seinen letzten Stücken (fast) gänzlich auf Hightech. Die Zutaten diesmal: eine kahle Bühne, ein raffiniertes Lichtdesign, eine präzise Choreografie zu einem Sound aus Sprache und Mininal Music sowie die hinreißenden Liquid-Loft-Tänzerinnen und Tänzer.

Stephanie Cumming murmelt leise in einer unverständlichen Sprache. Ihre Rede begleiten elegante Gesten, die auf den Inhalt ihrer Aussage keine direkten Schlüsse bieten. Nach und nach kommen die anderen Performer dazu: Katharina Meves, Luke Baio, Karin Pauer, Arttu Palmio. Sie alle reden in einer anderen Sprache vor sich her, keine, die man erkennen oder gar verstehen kann. So weit, so 90er Jahre, möchte man meinen, als das babylonische Sprachengewirr auf der Bühne zum Ehrenkodex im Tanztheater gehörte.

Doch „Foreign Tongues“ hat das Zeug zum Trendsetter. Keine Kameras, keine Projektionsflächen stehen hier mehr im Weg, keine Spiegelungen, Reflexionen, Verzerrungen und andere Tricks, die die elektronische Medienwelt zu bieten hat, müssen synchronisiert werden. Nur Sound und Bewegung sind aufeinander abgestimmt, nicht in ausladender, raumgreifender Manier, sondern in zurückhaltender Reduktion - Virtuosität als Understatement. Die Choreografie wird vom Rhythmus und von der Melodie der Sprachen geleitet – und dabei hat Haring sich für „exotische“ Minderheitensprachen entschieden: man hört Occitane, Katalanisch, Burgenländisch-Kroatisch, schottisches Englisch, Romani, Baskisch, Kasachisch, burgenländisches Deutsch … Im Gegensatz zu den frühen Versuchen mit der Unverständlichkeit von Sprache gibt es hier keine Aufgeregtheit, vielmehr scheinen sich die Performer auf körperliche Codes zu einigen, mit denen sie in einen Dialog zueinander treten, zu zweit, zu dritt, in der Gruppe. Mit meditativer Gelassenheit entfalten die Tänzer im Playback ihre Gestensprache. Minutiös setzten sie ihre Mund-, Hand- und Körperbewegungen – sparsam, verhalten, kontrolliert. Andreas Berger hat dazu eine kongeniale Musik komponiert, die die Textpassagen überbrückt, miteinander verbindet, sie unterstützt. Erst am Ende sprechen die Tänzer selbst auf der Bühne, der Text wird immer leiser, die Bewegungen führen ihn bis zum Blackout fort. Thomas Jelinek setzt mit seinem Lichtdesign auf farbige Akzente und Schattenspiele.

Das Ergebnis ist magisch. Nach anfänglicher Irritation nichts vom Gesagten zu verstehen, gebe ich auf. Die hochästhetische Bewegungssprache, die sich auf der Bühne entfaltet, lädt ein zum Loslassen, sich von den Körpergeschichten berühren, erheitern und in eine andere Welt der Kommunikation versetzen zu lassen.

Die künstlerische Wende, die Chris Haring mit seinem Team vollzogen hat, ist großartig gelungen: „Foreign Tongues“ ist choreografisch inspiriert wie selten, doch genauso originell und akribisch genau umgesetzt wie alle Liquid-Loft-Produktionen. Die Fortsetzung wird mit Spannung erwartet.


Wiener Zeitung, 17.2.2017

Petra Paterno

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", heißt es in Wittgensteins berühmtem Tractatus. Der österreichische Choreograf Chris Haring versucht, mit seinem jüngsten Tanzstück "Foreign Tongues (Toulouse)" diese Grenzen neu auszuloten. Die knapp einstündige Aufführung, die nun im Wiener Tanzquartier uraufgeführt wurde, reflektiert auf überaus gelungene Weise die Polyphonie urbanen Lebens und umkreist das Thema Kommunikation in einer vielsprachigen Lebenswelt.

Soundtüftler Andreas Berger hat für den Auftakt der neuen Performance-Reihe von Harings Tanztruppe "Liquid Loft" Menschen aus der südfranzösischen Stadt Toulouse aufgezeichnet. Laut Programmheft handelt es sich um Minderheitensprachen wie Baskisch, Okzitanisch, Romani, Katalanisch. Berger entwirft aus den Aufnahmen eine faszinierende Klanglandschaft, die Konversationen sind erkennbar, aber unverstehbar.

Die Performer Luke Baio, Stephanie Cumming, Katharina Meves, Arttu Palmio und Karin Pauer betreten nacheinander die bis auf eine farbige Hintergrundwand leere Bühne der Halle G des Tanzquartiers. Sie tragen Jeans und T-Shirts und bewegen ihre Münder synchron mit der Tonspur, als wären sie die Person, die gerade spricht.

Surreales Potenzial


Aus alltäglichen Gesten - minimalen Kopf- und Handbewegungen, Fußstellungen und Hüftdrehungen - entwickelt Chris Haring eine konzentrierte Choreografie. Die Interaktion zwischen fremder Sprache, gekünstelter Pose und fließender Bewegung eröffnet dem Tänzerquintett bestes Spielmaterial. In einem Moment meint man, man könne ein Gespräch durch eine dazugehörende Geste entschlüsseln, als ob man der Dynamik einer Situation auf der Spur wäre, schon stellt sich alles wieder ganz anders dar und wird völlig unverständlich. Das Bewegungs- und Klangmaterial wirkt wie ein babylonisches Sprachengewirr. Der dramaturgische Bogen wechselt von Solo-Auftritten hin zu dialogähnlichen Sequenzen und gemeinsamen Tanzbewegungen, die gezielt synchron, dann wiederum asynchron verlaufen.

Liquid Loft glückt mit "Foreign Tongues (Toulouse)" eine kurzweilige Anleitung, um über das surreale Potenzial alltäglicher Konversationen nachzudenken.