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Candy's Camouflage

Presse Zitate

 

"Chris Haring, with his ingenious Liquid-Loft-team, manages once again to bring a fascinating world of mutant beings to life on the stage, letting them fuse inseparably with technical and medial devices, as well as their own reproductions. While the first two parts of the series are still aesthetically closely related, "Candy's Camouflage" sees Haring bring a completely new set of colors and sounds into play. And in spite of all the Warhol quotes and the refined Film-Noir aesthetics, there always remains a reference to current topics, bestowing on Liquid Loft's work an unfathomable depth, and thus constantly proving Haring's eminence among Austria's most important choreographers anew.

Veronika Krenn, tanz.at

 

"The setting is scored, but also to driven forward by Andreas Berger psychedelic sounds, which form a tapestry interwoven with the actor’s voices. Chris Haring uses haunting images which, despite their plasticity, do not seem overused: Like, for example, when Karin Pauer scribbles on her arms with a felt pen (attribution), or when Stephanie Cumming's attempt to disappear within her own skimpy top (invisibility). These attempts of escape and self-determination are interrupted by resigned cries of "Fuck" whenever they fail. This exercise, however, succeeds in every respect leaving the audience at Friday night's premiere in a state of euphoria."

APA

 

"With two cameras, three spotlights and a double-sided projection screen Stephanie Cumming, Katharina Meves and Karin Pauer ignite an explosion of images where the real bodies and their will-o'-wisp like images melt into a choreographic hybrid."

Uwe Mattheiß, TAZ

 

"Candy’s Camouflage is, after all, a drama of gaze and voyeurism, an ambiguous meditation in which comedy lies close to despair."
from the programme text by Stefan Grissemann. 

 


TAZ, 09.08.2016

Uwe Mattheiß

[...] Wenige Tage später im Akademietheater zeigt der Wiener Choreograf Chris Haring mit der Gruppe Liquid Loft einen gänzlich anderen Umgang mit medialen Bildvorgaben. Tanz ist bei Haring tatsächlich „liquide“ geworden. Der choreografische Prozess wird zum alles einverleibenden Aggregat, das Bilder, Töne, Geräusche, Sprach­partikel, musikalische Einträge in sich hineinzieht und ebenso wie die Körper in ihrer Präsenz und ihren Bewegungsmustern analytisch erfasst und rekombiniert. Das akustische Umfeld, das Haring in der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Andreas Berger entwickelt, definiert und erweitert den choreografischen Raum mit den vorgefundenen Verhältnissen und bisweilen auch gegen sie. Das aktuelle Stück „Candy’s Camouflage“ existiert auf diese Weise in zwei Aggregatzuständen, als abendliche Aufführung für den traditionellen Theaterraum und als mehrstündige Performance im Kommen und Gehen des Publikums in einer Ausstellungsetage bei Impulstanz im Wiener Leopold-Museum. 

„Candy’s Camouflage“ ist Teil einer Auseinandersetzung der Gruppe mit den Filmarbeiten von Andy Warhol. Die Zerstörung der Zentralperspektive durch den split screen, die reine Präsenz der DarstellerInnen in den „Screentests“ (1964–1966), die Fokussierung auf den scheinbar unbedeutenden Alltagsvollzug, diese Ankerpunkte aus den Arbeiten Warhols finden sich in der aktuellen Arbeit verwandelt wieder. Candy Darling aus dem Film „Flesh“ (1968) ist nur noch abwesende Namensreferenz. Es bleiben die Mittel des Tarnens und Täuschens, die die Imagination des Weiblichen aufbauen, mutieren lassen und infrage stellen. Der kinematografische Apparat, der die Körper einst in den Fallstricken der symbolischen Ordnung fesselte, ist auf Handflächengröße geschrumpft. Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer entzünden mit zwei Kameras, drei Scheinwerfern und einer doppelten Projektionswand eine Explosion der Bilder, in der die realen Körper mit ihren irrlichternden Abbildern zu einem choreografischen Hybrid verschmelzen. [...]


Der Standard, 07.08.2016

Helmut Ploebst

Jenseits der Kameras ist die Welt 

Die Österreicher Chris Haring und Willi Dorner präsentieren mit "Candy's Camouflage" und "one" Glanzstücke zeitgenössischer Choreografie Wien – Am Ende die unendliche Fadesse. "Sogar mit all meinen Freunden und meiner im Aufschwung begriffenen Karriere fühle ich mich zu leer, um diese unwirkliche Existenz fortzusetzen", schrieb Candy Darling 1974 an ihre Freunde von Andy Warhols Factory. Das Sternchen aus der Traumfabrik des Pop-Art-Stars starb wenig später mit nur 29 Jahren an Leukämie.

Die Wiener Gruppe Liquid Loft hat Darlings Anmerkung, sie sei buchstäblich "zu Tode gelangweilt", einen wunderbar schlüssigen Kontext komponiert. Trotzdem kommt es in der Uraufführung ihres neuen Stücks Candy’s Camouflage bei Impulstanz im Akademietheater zu keiner einzigen faden Situation. Ganz im Gegenteil. Die Crew mit dem und um den Wiener Choreografen Chris Haring hat mit dieser Arbeit einen Höhepunkt ihrer bisherigen Werkgeschichte erreicht.

Candy’s Camouflage ist Teil drei von Liquid Lofts Performanceserie Imploding Portraits Inevitable. Im Vergleich zu den beiden vorhergehenden (Shiny, Shiny ... und False Colored Eyes) ereignet sich hier qualitativ ein echter Quantensprung. Die Candy im Titel ist von der Dragfigur Candy Darling (geboren als James Lawrence Slattery) geliehen und wird auf drei Tänzerinnen übertragen. Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer agieren vor einer Projektionsleinwand, die die gesamte Bühnenrückseite einnimmt.

Mittels Videokameras übertragen die Tänzerinnen selbst Bilder von sich direkt auf diese Leinwand, was unter anderem an Real-Time-Filmstücke wie Shelf Life (2001) der New Yorker Big Art Group unter Caden Manson und Jemma Nelson erinnert. Und der Liquid-Loft-Musiker Andreas Berger brilliert mit einem komplexen Soundscore aus Musik, Geräuschen und Text, in dem er live erzeugtes Material verändert und neu ins Stück einspeist. Die audiovisuelle Technik verstärkt den Eindruck jener "unwirklichen Existenz", von der Candy Darling genug hatte: die Umwandlung des "realen" Daseins in ein mediales, wie sie heute durch die sozialen Medien zur globalen Wirklichkeit geworden ist.

Choreograf und Regisseur Chris Haring hüllt die drei Tänzerinnen in ihr selbst Gesprochenes, Geflüstertes und Gesungenes ein. Zugleich entreißt er ihnen ihr Äußeres, vergrößert und zerteilt die Bilder ihrer Körper, fügt sie auf der Kinoleinwand neu zusammen. In einem Schlüsselmoment werden sie durch simultan nebeneinander gesetzte Projektionen zu Wiedergängern der berühmten Puppen des deutschen Künstlers Hans Bellmer aus den 1930-er Jahren. Die Bilder erscheinen durchgehend in Schwarzweiß, die Kameraperspektiven sind dem Film Noir entliehen. Entsprechend düster bleibt die Stimmung auf der Bühne. [...]

 

Der Kurier, 06.08.2016

Peter Jarolin

Der österreichische Choreograf Chris Haring und die amerikanische Pop-Art-Ikone Andy Warhol – das ist seit Jahren eine höchst fruchtbare künstlerische Kombination. Bereits in zwei Arbeiten ("Shiny, Shiny", "False Colored Eyes") hat sich Haring bei ImPulsTanz mit Warhols Welt auseinandergesetzt.

Und auch im dritten Teil der "Imploding Portraits Inevitable"-Serie steht Warhol bildgewaltig im Zentrum. Allerdings diesmal in Schwarz-Weiß, mit den Stilmitteln des Film Noir und mit der einst populären Warhol-Diva Candy Darling als Thema. 


Eine Leinwand, mehrere Kameras und drei Tänzerinnen – mehr benötigt Haring auf der sonst leeren Bühne des Akademietheaters nicht, um zu virtuos komponierten, zwischen Understatement und Überhöhung changierenden Bilderwelten zu finden. Die Tänzerinnen (exzellent: Stephanie Cumming, Katharina Meves, Karin Pauer) ziehen sich um, aus, an, bedienen die Kameras, positionieren sich im Licht, ringen um nur kurz angedeutete (Lebens-)Geschichten, singen traurige Songs, tauchen im Dunkel ab, um nachher in anderer Manier wieder ins Rampenlicht zurückzufinden.

Surreal

Was Haring erzählt? Vieles! Denn da gibt es "Daddy’s little girl" ebenso wie die Diva, da wird ver-und entschleiert, da taucht eine Femme Fatale ebenso auf wie eine Hollywood-Queen. Haring und seine Tänzerinnen jonglieren perfekt mit Illusionen, Überblendungen oder Ausblendungen. In Close-Ups werden Gesichter, Körper surreal verzerrt, werden neue Identitäten geschaffen, Kunstwesen erfunden und wieder ins reale Geschehen zurückgeworfen. Ganz im Stil einer visuellen Bewusstseins-Stromtechnik lässt Haring die "Puppen" tanzen, die Bilder laufen und die jeweiligen Ebenen genussvoll verschwimmen.


Was ist Sein und was ist nur Schein? Der Betrachter bleibt stets im Ungewissen, wird zwischen den Erzählebenen hin-und hergeworfen. Man erahnt den philosophischen Überbau, gibt sich jedoch sehr bald den Leinwand gewordenen Assoziationen hin. Denn Haring ist ein exakter Meister der filmischen Kompositionen.

Und sollten die James-Bond-Produzenten jemals einen neuen Main-Titel-Designer brauchen, sie wären bei Haring wohl an der richtigen Adresse. Zu sehen noch heute, Sonntag. 

Fühlender Film: Chris Haring schafft den Bühnenraum ab und füllt ihn mit Kamera und Leinwand, doch wer beobachtet hier wen? 

 

pw-magazine.com, 16.08.2016

Wera Hippesroither

Akademietheater, 7. August abends, der österreichische Choreograph Chris Haring zeigt Candy’s Camouflage, den letzten Teil seiner Trilogie Imploding Portraits Inevitable im Rahmen des diesjährigen Impulstanz Festivals. Ich nehme Platz, die Tänzerinnen Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer befinden sich bereits auf der Bühne, diese ist leergeräumt bis auf die Brandmauer. Doch Haring braucht nicht viel, um einen plastischen Raum zu schaffen: Auf dem Bühnenboden befinden sich lediglich sechs Stehvorrichtungen – vier davon mit Scheinwerfern bestückt, zwei weitere mit Camcordern –, eine immens große Leinwand und drei Performerinnen. Was passiert, wenn das Licht im Theater ausgeht, macht dem Namen Harings Kompanie alle Ehre: liquid loft – das Licht geht aus, der Film läuft und der Raum setzt sich in Bewegung.

Kurze, sprunghafte Szenen behandeln weibliches Verhalten und sexistische Situationen, wobei mitunter verwirrend, aber immer überraschend von einem Gedanken zum nächsten gewechselt wird. In Anekdoten und Ausschnitten wird über die eigene Haltung nachgedacht, zum Beispiel wenn es um einen Taxifahrer geht, der statt Geld einen Blowjob verlangt oder um ein nicht beim Namen genanntes Ding, welches „huge“ sei. Die kurzen Szenen kommen mir erst verwirrend vor, doch ich erkenne bald eine Gemeinsamkeit: Die Ausschnitte scheinen alle von einer Art Spannungsverhältnis zwischen Verhalten und inneren Empfindungen geprägt zu sein, was sich in einigen sehr emotionalen Szenen äußert. Eine Anekdote handelt davon, wie sich die Figur von Kopf bis Fuß als Kind fühle, eine andere Figur denkt darüber nach, warum es in populären Songs und Erzählungen um Männer und Jungs gehe, aber nicht um die Abenteuer eines Mädchens. Diese Grundstimmung ist schnell erkennbar, doch einer durchgehenden Handlung kann ich nicht wirklich folgen. Wortfetzen werden unterbrochen von kurzen Liedern und betont sinnlichen Tanzeinlagen, in einer Szene schmücken sich die drei Frauen gegenseitig und positionieren sich in eng umschlungenen Bewegungen um ein thronartiges Podest, was ein ultimativ sinnliches und starkes, geradezu göttinnenhaftes Bild entwirft, das sich mir besonders einprägt.

Das Prinzip ist einfach erklärt: Irgendwo zwischen Tanztheater, Performance und Installation reflektieren drei Frauen über das Frau-Sein. Das Gemurmel und die Wortfetzen auf der hörbaren Ebene werden durch die sichtbare Ebene erweitert. Mit Camcordern beobachten sich die Figuren gegenseitig, filmen sich und werfen studienartige Close-ups an die Leinwand. Was mit den Camcordern von den Figuren selbst gefilmt wird, wird live projiziert und modifiziert, was mitunter epische, an den film noir erinnernde Bilder erzeugt — aber auch abstrakt bis dekonstruierend wirkt. Auf der Leinwand entsteht eine plastische Dynamik und ein körperhafter Eindruck. Die Dreidimensionalität des Bühnenraumes verlagert sich auf die zweidimensionale Fläche der Leinwand. Abschaffung der Theaterbühne, auf Film gebannt.

Die Bühne so leergeräumt und mit einer Leinwand konfrontiert, fühle ich mich an Dekonstruktionen des Theaterraumes erinnert, wie sie auch Schlingensief gebracht hat, doch was hier passiert, betrifft eine andere Ebene. Die Bewegungen der Figuren und deren Dynamik werden verschoben, finden multipliziert und buchstäblich produziert auf der Leinwand statt. Der klassische Bühnenraum wird auf diese Weise verneint und als Film projiziert. Close-ups erlauben hautnah erlebbare Emotionen und ich blicke der Figur direkt in die Augen, doch der Blick zurück auf die Bühne erinnert mich daran, dass die Figur nicht mich anblickt, sondern in die Kamera schaut. Die Kamera wird selbst gesteuert, die Figuren beobachten sich auf gewisse Weise selbst und ich kann dabei zuschauen, wie sie das tun. Wer blickt hier wen an?

Was im Akademietheater der Größe des Raumes und der klassischen Anordnung des Publikums wegen nicht ganz aufgeht, funktioniert am zweiten Spielort, dem Leopold Museum, deutlich besser: Im Keller des Museums zeigt Haring eine „Museums-Edition“ von Candy’s Camouflage. Das Museum als Spielort finde ich naheliegend, denn die posenartigen Bewegungen der Figuren und die vereinzelten Standbilder auf der Leinwand erinnern an sogenannte tableaux vivants, lebende Bilder auf der Bühne. Hier gibt es keine Sitzreihen oder festen Plätze, das Publikum findet sich in einem abgedunkelten Raum ein und muss sich selbst einen Platz suchen, wie viele andere setze ich mich auf den Boden. Dieser selbst organisierte Publikumsraum ist dem Spielraum atemberaubend nahe, er ist auf gleicher Höhe mit dem Publikum und durch keinerlei Absperrung gekennzeichnet.

Plötzlich gewinnen die Bewegungen der Figuren abseits der Leinwand neue Bedeutung. Intimität und Dynamik nicht mehr nur für und auf der Leinwand, sondern auch in der Interaktion der Körper untereinander, auf der Bühne und auf der Leinwand gleichermaßen. Ich beobachte genau, wie die filmischen Bilder erzeugt werden, wie die Scheinwerfer geschwenkt und die Camcorder bewegt, die Bilder gezoomt werden und vor der Kamera agiert wird. Durch die absolute Nähe sind die Produktionsbedingungen noch viel deutlicher einzusehen und mir fällt ein interessantes Detail auf: die Figuren sehen sich beim Filmen selbst, können sich auf dem Bildschirm der Camcorder beobachten und so steuern, wie das Bild auf die Leinwand geworfen wird. Dieses Detail ist sicherlich der Kontrolle geschuldet, doch im multiplem Mechanismus der Beobachtung steckt viel mehr: Wird der Bühnenraum abgeschafft, wird auch die klassische Theatersituation mit ihrer Perspektive verneint — was auch die Betrachterin im Publikum miteinschließt. Die Figuren beobachten sich, beobachten ihr gegenseitiges und eigenes Beobachten auf der Leinwand und werden dabei wiederum beobachtet von den Beobachterinnen der gesamten Szenerie. Die Betrachterin wird zur Betrachterin der Betrachtung. Somit befinden wir uns mitten in einer extrem voyeuristischen Situation, die allen Formen von Theater anhaftend ist.

Bezeichnend die wiederholte Frage einer Figur: „Do you like it?“

Das filmische Moment deutet aber noch auf eine ganz andere Problematik nicht nur des zeitgenössischen Performance-, sondern auch des Theaters allgemein hin: Ist Theater auf ein Erlebnis, ein gemeinsames Sein in einem Raum bedacht und schafft Performance ein einmaliges Erlebnis, welches nicht wiederholt werden kann, frage ich mich, ob ein solches Ereignis überhaupt gefilmt werden kann oder darf, stellt das Filmen von Ereignissen doch auch immer eine Form der Konservierung dar. Der Besuch eines Theaterstückes ist nicht das selbe wie der filmische Mitschnitt des Stückes, den ich mir im Nachhinein anschaue. Wie eine Figur selbst an einer Stelle murmelt, ginge es nicht um das, was man sehe, sondern um das, was man fühle, wobei ich diese kurze Aussage als Programm für das gesamte Stück deute: die Leinwand bildet ein Art Innenleben ab, ermöglicht einen tiefen Blick hinein in eine – hier weibliche – Seele und ergänzt nicht nur das Tun auf der Bühne, sondern führt ein Art dynamisches Eigenleben.

Betrachtet man die installative Anordnung und das Sich-Filmen der Figuren etwas näher, erinnert die Situation deutlich an das Posieren für Fotos oder gar Selfies. Nicht nur die Beobachtung untereinander, sondern auch die Selbstbeobachtung (weiters: die Beobachtung durch das Publikum) und das Reflektieren über das eigene Sein werden hier verarbeitet. Auf der tonalen Ebene wird diese Reflexion um Wortfetzen und Ausschnitte ergänzt, die sich mit sexistischen Situationen und weiblichen Verhaltensweisen auseinandersetzen. Die akustische Ebene passt dabei nicht immer mit den Bewegungen auf der Bühne zusammen, sie bildet genauso einen Gegensatz wie Extrem-Close-ups und Agieren als Körper, wie schon im angesprochenen Begriffspaar fühlen – sehen angeklungen, drückt sich hier eine Art von Zerrissenheit und Polarität aus, welche im Großen als Relation zwischen Innen und Außen angesehen werden kann. Über die buchstäbliche Rolle der Frau in alltäglichen Situationen – äußere Haltung vs. innere Bewegung – wird eine zeitgemäße Reflexion über den Theaterbegriff angestoßen, welcher sich in seiner grundsätzlichen Bedeutung immer zwischen Real und Irreal, zwischen Da und Dort, zwischen Innen und Außen befinden muss. 

Profil, 01.08.2016

Karin Cerny

Was ist echt? Was Rollenspiel?

Choreograf Chris Häring setzt mit "Candy's Camouflage" seine Warhol-Performance-Serie fort. Andy Warhol - das sind wir selbst. Jeder ist sein eigener Regisseur, Selbstvermarkter und Selbstdarsteller: Was zu Zeiten des 1987 verstorbenen Pop-Art-Superstars subversiv war - sich etwa permanent selbst zu filmen ist heute längst im Mainstream angekommen. Warhols berühmtes Apercu, wonach in Zukunft jeder 15 Minuten lang weltberühmt sein könne, ist auf Online- Plattformen wie Facebook, Instagram oder Snapchat banaler Alltag. Den im burgenländischen Schattendorf geborenen Tänzer und Choreografen Chris Haring faszinieren genau diese Brüche. Haring, 45, untersucht gemeinsam mit seiner Tanzgruppe Liquid Loft, wie sich die filmischen Arbeiten, die in Warhols legendärer Factory entstanden sind, in der Gegenwart weiterdenken lassen: Welche Reibungen entstehen, wenn sich heutige Tänzerinnen mit den weiblichen Warhol-Superstars - wie der Velvet-Underground-Sängerin Nico und dem Transgendermodel Candy Darling - auseinandersetzen?

Nach den beiden rauschhaft-bunten Abenden "Shiny, Shiny..." (2014) und "False Colored Eyes" (2015) sind die Bilder in "Candy's Camouflage", das nun im Rahmen von ImPulsTanz am 5. August im Wiener Akademietheater uraufgeführt werden wird, in Schwarz-Weiß gehalten; die Atmosphäre ist traumhaft-entrückt; der hypnotische Sound wird vom Elektronik- Komponisten Andreas Berger live eingespielt. "Die ersten beiden Teile orientierten sich stärker an realen Warhol-Frauen", erklärt Haring in der Probenpause. "Mittlerweile haben die Tänzerinnen Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer eigene Figuren entwickelt: von der Femme fatale bis zu ägyptischen Göttinnen." Die Darstellerinnen hantieren virtuos mit der Handkamera, die im Grunde mitttanzt; sie zeigen Frauen am Rande der Isolation, die wirre Gedankenfetzen und gängige Geschlechterbilder meditativ wiederholen. Eine assoziative Herangehensweise, die sich jeder Narration verweigert: "Es geht um Metamorphosen, die fragmentarisch und abstrakt bleiben sollen", so Haring. "Wie in den Filmen von David Lynch ist es eine surreale Welt, in die wir eintauchen." Verhüllung, Täuschung, Tarnung sind die zentralen Themen. Was ist echt? Was ist Rollenspiel?

 

tanz.at, 07.08.2016

Veronika Krenn

In Zeiten sich epidemisch ausbreitender Selbstoptimierungs- und Selfie-Manie lässt sich Chris Haring für den dritten Teil seiner „Imploding Portraits Inevitable“-Reihe noch einmal von Andy Warhols frühen filmischen Arbeiten inspirieren. Drei Tänzerinnen verlieren sich in rauschhaften Partys mit immer grotesker werdenden Bildern, die sie wie im Wahn von sich selbst produzieren. Harings Blick in psychedelische Innenwelten taucht tief in die  Abgründe einer sich stets selbst observierenden, egozentriert gepolten Welt.

Schatten und blendend weißes Licht. Waren bei den ersten Teilen seiner Warhol-Reihe - „Shiny, Shiny...“ und „False Colored Eyes“ - die Filmbilder auf der Bühne in Pop-Art-Farben getränkt, so erweist Haring mit seinem Liquid-Loft-Team diesmal dem Film Noir mit seinen Schwarz/Weiß-Kontrasten seine Referenz (Licht-Design, Szenographie: Thomas Jelinek und Komposition, Sound Design: Andreas Berger). Vor projizierten, immer größer werdenden, Scheinwerfermonden etwa stehen Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer als mondäne  Frauen, während dunkle Schatten eine Straßenschlucht ins Zwielicht tauchen. In seinem dritten Teil der Reihe, die Warhols multimediale Happenings „Exploding Plastic Inevitable“ zitiert , bestimmt weibliche Selbstdarstellung die Szene. Als Inspirationsquelle dient ein Andy-Warhol-Star dieser Disziplin, die transsexuelle Schauspielerin Candy Darling.

Mutantinnen und Gnome. Die Darstellerinnen werden wie Motten ans Licht der Scheinwerfer und zu den Kameras auf der Bühne gezogen. Dort ergießen sie sich in Redeschwällen, singen, verfallen in zuckende Tanz-Moves und in Lach-Weinkrämpfen oder starren einfach kindlich trotzig. Ein gnadenloses Spiel mit optischen Verzerrungen und der Einsatz von Splitscreens erzeugt auf der Bühne Mutantinnen, die nur aus Beinen bestehen, böse stampfende Gnome oder Körper die sich förmlich aufblähen, vor lauter gieriger Nähe zur Kamera. Stets erfinden sich die Frauen neu, auch im Blick auf ihre eigene Religiosität - sie werden zu Göttinnen, die ihre Spiritualität wie ihren Kopfschmuck anlegen und abnehmen. Chris Haring, mit seinem genialen Liquid-Loft-Team, schafft es einmal mehr, auf der Bühne eine faszinierende Welt von mutierten Wesen herzustellen, die mit technischem und medialem Gerät und ihren Reproduktionen untrennbar verwachsen. Während die ersten beiden Teile der Reihe ästhetisch noch sehr nahe beieinander liegen, bringt Haring mit „Candy`s Camouflage“ völlig neue Farben und Klänge ins Spiel. Und trotz aller Warhol-Zitate und ausgefeilter Film-Noir-Ästhetik, bleibt ein Bezug zu heutigen Themen, der Liquid Lofts Arbeit einen abgründigen Tiefgang beschert und Harings Bedeutung unter den wichtigsten österreichischen Choreographen stets neu unter Beweis stellt.

 

APA, 07.08.2016

Frauen, taumelnd zwischen Selbstdarstellung und Zuschreibung, sind Angelpunkt von Chris Harings letztem Teil seiner ImPulsTanz-Trilogie „Imploding Portraits Inevitable“: „Candy‘s  Camouflage“ oszilliert zwischen Warhol-Ausbeutung und Pop-Kritik, greift Frauenbilder von antiken Göttinnen über Muslimas bis hin zu den Riot Grrrls auf und abstrahiert sie auf der Bühne des Wiener Akademietheaters.

Das Personal hat der österreichische Choreograf nach „Shiny, Shiny ...“ und „False Colored Eyes“ auf drei Tänzerinnen seiner Compagnie Liquid Loft reduziert, die mit zwei Kameras und Scheinwerfern bewaffnet ihr Innerstes nach außen kehren und das Außen zu ihrem Inneren machen. In bestechender Symbiose mit den auf eine riesige Leinwand projizierten Bildern ihrer Bewegungen treten sie zur Sinnsuche an, die freilich keine Antworten liefert, aber Fragen in neues Licht rückt. Ausgangspunkt der 2014 gestarteten Trilogie waren Andy Warhols „Exploding Plastic Inevitable“-Shows, die sich im 21. Jahrhundert aufgrund von allgegenwärtiger Selbstdarstellung wie Selbstoptimierung im Internet ad absurdum geführt haben und daher laut Haring implodieren, wie er in einem Interview mit dem „Standard“ erläuterte.

Basierend auf Warhols filmischen Arbeiten wie den „Screen Tests“ und „Chelsea Girls“ entwickelte er die drei Produktionen, wobei die ersten beiden sich stärker auf reale Vorbilder der 60er-Jahre konzentrierten. Im letzten, an den Film noir gemahnenden Teil lösen sich die Akteurinnen Stephanie Cumming, Karin Pauer und Katharina Meves zunehmend aus dem Warhol-Kosmos und begeben sich auf die Suche nach ihren eigenen Identitäten. Als titelgebende Vorlage wählt Haring diesmal die Warhol‘sche Diva Candy Darling, vollzogen wird über 70 Minuten lang dann deren Camouflage - ihre Tarnung. Sie versteckt sich hinter den realen Frauen, die hier Simone de Beauvoir zitieren, die weibliche Abhängigkeit von Penisgrößen hinterfragen und Bruce Springsteens Topos des „little girl“ auseinandernehmen. Zuweilen unverständlich wispernd, dann wieder brüllend und dann auch wieder fröhlich plaudernd nähern sich die Protagonistinnen unterschiedlichen Frauenbildern an. Mal ist die Kamera ganz nah dran an den Mündern, Augen, Brüsten, dann wieder stehen die ineinander verschlungenen Körper im Fokus, die auf die zweigeteilte Leinwand projiziert werden. Die Bilder verschwimmen ineinander, doppeln sich und bewegen sich voneinander fort.

Untermalt, oft aber auch getrieben, wird die Szenerie von Andreas Bergers psychedelischen Sounds, die er als Klangteppich unter die Stimmen legt. Chris Haring setzt auf eindringliche Bilder, die trotz ihrer Plastizität nicht abgegriffen wirken: So etwa, wenn Karin Pauer ihre Arme mit einem Filzstift bekritzelt (Zuschreibungen) oder Stephanie Cumming der Versuch misslingt, in ihrem knappen Oberteil zu verschwinden (Unsichtbarkeit). Unterbrochen werden die Versuche über Ausbruch und Selbstbestimmung von resignierten „Fuck!“-Ausrufen des Misslingens. Die Übung jedoch gelingt auf ganzer Linie und hinterließ bei der Premiere am Freitagabend ein euphorisches Publikum. Und macht neugierig, was Liquid Loft nach dieser „Theater Version“ in der kommende Woche folgenden „Museum Version“ im Leopold Museum anstellen wird.

Kronen Zeitung, 07.08.2016

Karlheinz Roschitz

Er hat mit Spitzencompagnien wie DV8 Physical Theatre, Nikolais/Luis Dance Cie, man act, Nigel Charnock gearbeitet. 2007 bekam Chris Haring den Goldenen Löwen der Tanzbiennale von Venedig: Nun zeigt er bei Im- PulsTanz "Candy s Camouflage". Ein aufregender Abend, der das Publikum begeistert jubeln ließ, aber auch einige veranlasste, das Akademietheater zu verlassen.

"Candy s Camouflage", der dritte Teil von Harings Serie "Imploding Portraits inevitable", zu der er von Andy Warhols frühen Filmen inspiriert wurde, mutierte zum Frauenstück. Die bizarre Atmosphäre, wie sie in "Shiny, shiny" und "False Coloured Eyes" Harings Schautheater prägt, hat er zurückgenommen: Der Rausch der Farben, barocker Formen, surrealer Visionen weicht spartanischem Schwarz-Weiß. Projektionen des Femininen werden in Szenen dreier Tänzerinnen großflächigen Videos gegenübergestellt. Bald ruhen sie in sich selbst und in den Videos, bald bringen sie leidenschaftliche Bewegung ins Spiel, während auf der Videowand rauschhafte Szenen einander jagen. Wie in Fotografien des Surrealismus fließen Körper ineinander, werden zu endlosen Serien eines Motivs verarbeitet, gerinnen zu einander verschlingenden Ornamenten.

Und manches erinnert an den französischen Dadaisten, Surrealisten und "Mitvater" der Konzeptkunst Marcel Duchamp, wenn zum Beispiel zwei Paare von Damenbeinen zu einem Polypen zusammenwachsen und in ein rotierendes Ornament übergehen ... Haring (46), international erfolgreicher Burgenländer, spricht von einem Stresstest für Klischees, einer "Selbstverkörperlichung" und "Selbstvermessung", wenn er die drei Damen seiner Compagnie Liquid Loft - Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer - in silbrig-entfärbten Bildern und kaltem Licht ihre Rituale ausfuhren lässt. Ein Verwandlungsspiel - Assoziationen um die magische Drei. Um Genien? Oder Schicksalsfrauen?