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Deep Dish

ein choreographischer Live-Film

letzter Teil der Perfect Garden Serie in Zusammenarbeit mit Michel Blazy



Ein Abendmahl wird zu einer abenteuerlichen Reise durch die Dimensionen von Makro- und Mikrokosmos. Mittels Handkamera führen die Performer durch bizarre Parallelwelten aus organischen Objekten.

Durch den Einsatz filmischer Methoden und akustischen Verfremdungen entstehen Bild-Metaphern, die an barocke Gelage, Gärten der Lüste, und an deren unvermeidbaren Zusammenbruch erinnern. Eine von Sehnsucht und Neugierde getriebene Gesellschaft, ausgelassen und abgestumpft zugleich, feiert ihre eigene Vergänglichkeit. Die verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit spiegeln sich als Überformungen der Realität in einer übergroßen Projektion wieder. In diesem Stillleben wird jede Bewegung, jedes affektierte Verhalten der Protagonisten, unaufhaltsam von der Gewalt der Natur absorbiert.

Inspiriert vom Roman Locus Solus, in dem der Universalgelehrte Martial Chanterel seine ausgewählten Gäste durch Landschaften unterschiedlicher Wahrnehmung führt, ist Deep Dish eine Referenz auf die Schönheit und Dekadenz einer menschlichen Existenz, die an sich selbst zugrunde geht.


In der Perfect Garden Serie von Liquid Loft mit dem bildenden Künstler Michel Blazy ist das Motiv des Gartens Ausdruck menschlichen Strebens nach Beherrschung der Dinge im unerbittlichen Fluss der Vergänglichkeit, aber auch Sinnbild des Wachsens und Wucherns, das immer wieder Neues zur Entfaltung bringt.


JETZT HABEN WIR DEN SALAT


Der Salat fühlt sich nicht mehr frisch. Von der Decke tropft die Zeit. In der Natur gibt es keine Sollbruchstellen, sondern nur Mannigfaltigkeiten, ein ständiges Werden, Wuchern und Vergehen. Der Garten ist also wirklich perfekt, aber zu seinen eigenen Bedingungen - und daher kein Paradies für uns, die wir uns selbst ungefragt zu ihm eingeladen haben. Dem Garten abgetrotzte, zu einem flüchtigen Monument der Fäulnis drapierte Früchte türmen sich auf. Eine Ruine mit diversen Ausstülpungen, Steilwänden, Geröllhalden, Höhlen und Grotten. Vor ihr, in ihr und um sie herum fuhrwerkt ein hochauflösendes Auge Gottes, eine Sonde. Wir kennen solche tollen Apparate zum Beispiel aus dem Zusammenspiel von Lebewesen und Maschinen aus den im wahrsten Sinn des Wortes überschäumenden Close-Up´s von Muscheln, Brettern und Gischtfontänen in dem Film Leviathan der beiden Anthropologen Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor.


Eine prekäre Skulptur aus Lebensmitteln. Die Kamera ertastet und erforscht sie, geführt als Tanz und von Tanzenden, die mehr und mehr mit dem Ding in der Mitte verschmelzen. Werden sie selbst am Ende zu einer prekäre sozialen Skulptur? Und ist der Haufen am schwarzen Magiertisch noch Laune der Natur oder schon die Kunst des Zufalls? Oder ist er nur Abenteuerspielplatz einer Schaulust, die sich, ähnlich wie die bildgebenden Verfahren in der Medizin, an den übermenschlichen Fähigkeiten des automatisierten Sehens erfreut?

Schönheit, das kann ein Kippbild zwischen Imaginären und Realem sein. Suspense, das kann eine Mise en Scène voller Close-Up-Extremismus sein, verwirrt durch raffinierte Verschiebungen von Größenverhältnissen, unvertraut durch die In- und Übereinanderschichtung der Bildfragmente. Repräsentative Ordnungen sind Machtordnungen, und die sollen und müssen so nicht sein. Die Metamorphosen des Ovid als posthumanistische Phantasie: Die Haut einer Orange wird zur fantastischen Kraterlandschaft in einem bislang noch nicht gedrehten Science-Fiction-Film. Menschliche Partialobjekte (nennen wir sie Arme) schlängeln sich als herrenlose Lebewesen ins Bild.

Die dazugehörigen Körper sind bigger than life-Projektionen in einem üppigen Urwald aus verrottenden Salatblättern und Tomaten, arrangiert zu einem verfließenden Bild, das Frühstück im Grünen heißen könnte. In einem Wasserglas wimmelt und schwimmt neues Leben. Es hat keine Seele - und trotzdem für einen kurzen Moment die gleichen Rechte auf Selbstdarstellung wie all die anthropozentrisch verseuchten Menschen um uns. Überall ist Überschuss, großherzige Verschwendung, Arte Povera 2.0., Verschmelzung und neue Zellteilung.

Das Auge springt. Landscapes aus den Parallelwelten zwischen Computeranimationen und Surrealismus, geboren aus der zufälligen Begegnung einer Kamera und einer Erdbeere auf einem Seziertisch. Im Vordergrund könnte ein Realbild einer im Zweifel für den Zweifel votierenden Tanz-Performance zeigen, wie sich zwei Körper zu einer Pietá-Szene betten. Später verbiegen und dehnen sie sich wie von einer fremden Kraft ferngesteuert. Die Spielenden werden miteinander in fremden, auch gespaltenen Zungen sprechen, einander in Schwingungen versetzen und dadurch Simultanbewegungen – und handlungen auslösen: Eine Infektion breitet sich aus als Tanz.

Liminale Räume entstehen, Schwellenzustände, die nach der rituellen Aufkündigung einer vorgängigen kollektiven Konstellation einsetzen und zu neuen, vorläufigen Beziehungsformen der Körper im Realbild und im Projektionsbild führen. Dazwischen geht die Sprache flöten und/oder fremd. Als manchmal nur atmosphärisch verständliches und technisch verfremdetes Instrument persifliert sie kommunikative Leerläufe und Störungen. „Eure ganz großen Themen sind weg!“ heißt ein Theaterstück von René Pollesch. Das Reden zieht gegen die expressive Geste oft den Kürzeren.

Wenn sich das Wort mit der Performance in die Haare kriegt, wenn die Stimme eine Kurve aus Nullen und Einsen wird, dann weiß keiner mehr, wen eigentlich die Aufklärung mit der Forderung Autonomie des Subjekt im Blick hatte. Sich windende und verrenkende Körper reagieren nämlich immer auch schon auf die Anforderungen anderer, auch des Regisseurs. Ihre Autonomie, ihre Freiheit, basiert auf der vorgängigen Beanspruchung des Anderen, die die soziale Lebenswelt immer schon bereitstellt. Autonomie wird überschätzt. Der Philosoph Simon Critchley sagt: „Es geht nicht darum, eine narzisstische Beziehung zwischen meinem freien Selbst und den Gesetzen, die ich mir selbst gebe, aufzubauen. Das Subjekt entsteht aus dem Verhältnis zu der fundamentalen Forderung des anderen an mich, die mich von mir selber trennt und zu der ich mich durch mein Handeln in der Welt verhalte.“

Das Subjekt torkelt und stolziert zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Man muss ihm nur zuhören, wie es klingt als säuselnde, murmelnde, kreischende Menschmaschine. Als wären die Unterschiede zwischen menschlicher Artikulation, dokumentarischer und bloß verstärkter Aufzeichnung des Hörbaren und einer akustischen Fiktionalität im Zeichen digitaler Effekte und Programme ins Fließen geraten.

Nur die Zeit tropft stur von der Decke, ihr Leben lang. Solange die uns nicht auf den Kopf hält, werden wir verzauberte Heterotopien weiter suchen, finden und lieben.

Text: Thomas Edlinger