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WELLNESS

FAQ Magazin, 28.10.2011

Interview mit Chris Haring (Michael-Franz Woels)

Die neue Arbeit „Wellness - The Perfect Garden“ setzt sich mit dem Thema Wellness auseinander. Wie kam es zu dem Interesse an diesem aktuellen Gesundheitshype?


Chris Haring: Ian, einer der Tänzer auf der Bühne, erzählt zu Beginn der Performance: „We deserve it. Ich bin mir das wert, ich gönne mir das jetzt. Ich muss das jetzt genießen. Ich muss dieses Gefühl festhalten.“ Sobald man es aber hat, zerfällt es auch wieder. So bin ich auf dieses Wellnessthema gekommen. Wellness ist sozusagen das Grundthema, das Setting. Ich finde ja, dieses Wort Wellness, wenn du es oft wiederholst, fängt es zu nesseln an. Für mich ist das so ein Ding, das ist immer mehr gewachsen und gewachsen. Ich bin im Burgenland aufgewachsen und da gibt es ja überall diese Thermen. Man geht da hin und fühlt sich auf Befehl wohl. In kürzester Zeit schwitzt man sich in der Sauna den Alkohol der ganzen Woche raus, geht anschliessend ein paar Runden Schwimmen, wird danach passiv bewegt und am Schluss gibt´s dann ein Schnitzel, das nicht in Schmalz sondern im Bio-Öl gebraten ist und am Montagmorgen ist man dann wieder fit.

Grün, der Garten, die Natur als Wohlfühlelement?


CH: Die Ursprungsidee des Gartens ist ja schon seit Jahrtausenden ein Thema in der Kunst. Der Mensch, der die Natur einfasst und so ein bisschen Gott spielt. Interessant war in diesem Prozess das Kennenlernen des bildenden Künstlers Michel Blazy, der in sehr langen Zeiträumen denkt. Wenn er mit seinen organischen Materialien arbeitet, dann braucht das immer wahnsinnig lange bis etwas entsteht. Und wenn es dann entstanden ist, vergeht es auch wieder sehr rasch. Er findet die Schönheit in Teilen, die wieder zergehen und er sucht dabei auch immer sehr schöne Farben aus. Tanz ist ja auch vergänglich, in dem Moment, wo du an Sequenzen arbeitest, ist es auch schon wieder vorbei. Wieder Proben das ganze Jahr tagein, tagaus und was dann überbleibt ist nur ein Bruchteil dessen, was im Endeffekt gezeigt oder aufgenommen wird und einem Publikum gezeigt wird und so in den Köpfen in Erinnerung bleibt. Die Bewegung, die im Proberaum verloren geht ist weg. Michel´s Installationen entstehen zum Teil über einen Zeitraum von 10 Jahren.


„Wellness_ The Perfect Garden“ ist als Fortsetzungs-Stück angelegt?


CH: Dadurch, dass so viel Material da ist und neue Leute dabei sind - insgesamt sieben, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen - fände ich es schade, wenn wir das in einem Stück verbraten. Es sind weitere Schritte, sozusagen weitere Gärten die wir anlegen wollen, geplant. Die Erstaufführung findet im Glashaus (Palmenhaus im Wiener Burggarten) statt, das nächste auf der Bühne und dann wird in der Stadt, im öffentlichen Raum inszeniert. Wir suchen unterschiedlichste Locations, wo wir diese „Gärten“ wachsen lassen können. Auf der Bühne wird sicher anderes Material eingesetzt werden als im Glashaus, im Freiraum hast du dann die Umwelteinflüsse, der Raum nicht so geschützt, hast wieder einen ganz anderen Rahmen.


Nochmal zurück zu Michel Blazy, wie bringt er sich im neuen Stück „Wellness – The Perfect Garden“ ein?


CH: Michel ist wirklich super, ein extrem herzlicher Mensch. Er kommt für ein paar Tage aus Paris in unseren Proberaum in Wien und dann wird hier ordentlich gebastelt. Er beobachtet die Proben und plötzlich entstehen im Hof Skulpturen aus Materialien wie Kartoffelstärke - in riesigen Mengen wird hier herumgepanscht. Er kommt dann rein und sagt: „Hey Chris, was sagst du dazu?“ Die Kommunikation funktioniert super, obwohl ich nicht Französisch spreche und er nur wenig Englisch. Er schaut auch bei den Proben zu und gibt Dinge dazu und greift auch in das emotionale Geschehen auf der Bühne ein. Er gibt nicht nur Kommentare dazu ab, in welche Richtung sich, seiner Meinung nach, gewisse Choreografien weiterentwickeln sollten. Er hat dann auch extrem unterschiedliche Materialien gebracht. Wir haben ja durch das Palmenhaus als Aufführungsort schon sehr viel „Garten“ als Vorgabe. Da muss man quasi dagegenarbeiten, eher mit anderen Materialien reingehen und trotzdem noch die Assoziation dazu behalten. Das hat Michel sehr schnell kapiert, er ist da sehr feinfühlig. Er hat in Nizza studiert. Als ich ihn einmal fragte, warum er nicht als Bildhauer arbeitet hat er mir erzählt, dass immer, wenn er früher probiert hat, solide, massive Objekte zu machen, die entweder zerbrochen oder auseinandergefallensind. Er hat sich daraufhin auf temporäre Objekte verlegt und dabei ganz neue Arbeitsweisen entdeckt. Er arbeitet mit Tieren, er lenkt sie mittels Lockstoffen, sodass sie Spuren hinterlassen, die für ihn wiederum Kunst sind. Zum Beispiel mit Schnecken. Als ich ihn einmal besuchte, hatte er ein riesiges Bild aus Schokolade herumliegen. Er hatte verschiedene Schokoladen zusammengemischt und ich dachte, es geht um die verschiedenen Farbverhältnisse. Da gab es hellere und dunklere Flecken. Er hat mal mehr mal weniger Zucker zugegeben und zum Teil auch mit Uhu gearbeitet. Er hat das dann liegengelassen bis Mäuse und Ratten gekommen sind und die Schokolade aufgefressen haben. Die haben dann in diese Sperrholzplatte so eine Art Holzschnitt reingeknabbert. Dort wo mehr Schokolade war ist tiefer geknabbert und dort, wo Uhu ist wird nicht hingelangt. Nach 2 Wochen ist das Fress-Bild dann fertig. Er läßt sozusagen in Paris seine Hausratten für sich arbeiten. Oder er filmt seinen Hund, wie er „sein Geschäft“ verrichtet. Er filmt seinen Pudel das ganze Jahr über dabei, immer mit der gleichen Kameraeinstellung, wie er da seine Spuren hinterläßt.

Jetzt nochmal zum Thema Arbeiten mit und im Raum bei deinen Projekten...

 
CH: Im Endeffekt ist das zentrale Thema immer der Körper. Jeder Choreografie versucht den Körper in ein spezielles Licht zu rücken. Das Publikum sollte immer wieder einen anderen Blick darauf bekommen. Akustisch kann man da sehr fein arbeiten, es wird eben nicht visuell eingegriffen, du hörst und spürst nur. Wenn wir zum Beispiel mit diesem Dubbing arbeiten, was wir sehr lange gemacht haben und du zum Beispiel mit meiner Stimme weitersprichst, dann bist du plötzlich eine komplett andere Person. Der Körper transformiert sich scheinbar, wie Tanz - in dir und um dich herum. Akustisch ist auch das Environment sehr schnell zu ändern. Du bist in einem Moment in einem kleinen Raum und im nächsten Moment plötzlich im Universum. Ich liebe Tanz und ich möchte Tanz sehen, nur ich brauche eben einen Grund, warum getanzt wird. Die meiste Zeit sind wir sozusagen auf der Suche nach dem Grund, warum wir versuchen, etwas abstrakt mit dem Körper zu erklären. Ich brauche den intellektuellen Input. Wenn der dann in die Performance gut einfließt, wird das Stück sehr tänzerisch. Wenn das nicht der Fall ist, dann stehen die Personen nur herum oder liegen am Boden (lacht). Wenn du professionell mit Choreografie arbeitest musst du reduzieren, es gibt ja überall Bewegung. Du musst reduzieren – wegnehmen, wegnehmen, wegnehmen - und darfst keine Bewegung zu viel bringen. Man vereinfacht, sucht nach Grundelementen.


DER STANDARD, 5.8.2011

Diktatur als Kuschelmonster / Helmut Ploebst

Der österreichische Choreograf Chris Haring lotst sein Impulstanz-Publikum in einen Wohlfühlgarten, in dem es dennoch ungemütlich werden könnte: "Wellness - The Perfect Garden".

Chris Haring kritisiert mit seinem "Wellness"-Abend die Widerspruchslosigkeit unserer Gesellschaft.

Wien - Der Garten Eden hat im Burggarten-Palmenhaus bei Impulstanz einen irdischen Widerpart gefunden: das neue Stück Wellness - The Perfect Garden von Chris Haring und seiner Gruppe Liquid Loft. Und auch der Wiener Aktionismus erhält einen weichen Wiedergänger mit dem Neuen Wiener Bioaktionismus von Magdalena Chowaniec und Amanda Piña. Warum spült Österreichs Tanz jetzt so weich?: Weiße, zu Schaum gestockte Wolken, betörende Nymphen und adonisgleiche Jünglinge. Sanftes Gluckern im Palmenpalast. Ein Paradies mit absolutem Wohlfühlfaktor. Rundumservice. Endlich etwas Nettes für Groß und Klein.

Doch unter der Oberfläche dieser Wellness-Uraufführung juckt es. Haring trifft mit seinem makabren Wohlfühlmonster mitten ins Herz unserer Gegenwart. Es stellt eine Welt dar, in der es keine Widersprüche und keine Kritik mehr gibt, in der alles Unebene, jede Herausforderung und alles Denken gelöscht sind. Das macht erfahrbar, wie weich und kuschelig eine Diktatur sein kann, in der Genuss zur Norm geworden ist, wie flauschig sich ihre Inszenierung anfühlt und wie sanft darin verbliebene Worthülsen ertrinken.
Das Grinsen der Tänzer ist zwar steif, sie streicheln einander in sattem Schmatzen allzu mechanisch, aalen und produzieren sich in neurotischen Posen, patzen mit rosa Schleim herum und müssen sich dann kratzen, als ob sie allergisch wären. Aber am Ende ist es doch irgendwie gut, und weil es doch nicht ganz so gut war, reden sich's die Paradiesvögel schön.
So tückisch versteckt muss Gesellschaftskritik heute sein. Vor dem Hintergrund eines politischen Pragmatismus, in dem unter allerlei Deckmäntelchen das Schrecklichste wieder gesellschaftsfähig gemacht wird, stellt Haring die dazugehörende Ausredenkultur gnadenlos an einen giftigen Kuschelpranger.

KURIER, 5.8.2011

ImPulsTanz: Wellness bis ins Grab
Choreograf Chris Haring startet mit "Wellness - The Perfect Garden" eine neue Performance-Serie / Silvia Kargl


Überquellender Badeschaum, ein künstlicher Garten mit wundersamen Pflanzen und Formen: So präsentiert sich der Auftakt zur neuen Performance-Serie "W e l l n e s s - The Perfect Garden" von Liquid Loft/Chris Haring im Palmenhaus des Burggartens beim Wiener ImPulsTanz-Festival (noch zu sehen am 6. und 7. August).

Palmen und Publikum werden an den Rand gedrängt, wenn die Performer inmitten der in türkisfarbenes Licht getauchten Landschaft Michel Blazys zum ideal abgestimmten Sound Andreas Bergers den Raum erobern.
In der utopischen Wunderwelt führen die Konzentration auf die Körper und die Suggestion des Wohlfühlens zu einer manischen Choreografie.

Jeder der Performer will sich selbst möglichst vorteilhaft positionieren, die Körper werden eigenartig bloßgestellt, am Designershirt scheint man zu ersticken. Reizvoll sind Spiegeleffekte und Verzerrungen, die auch das Glasdach des Palmenhauses in den Raum einschließen.

Kommunikation über Äußerlichkeiten

Kommunikation ist dabei jedenfalls nur über Äußerlichkeiten möglich, frei nach dem Motto "Zeige mir deine Muskeln und ich sage dir, wer du bist". Soziale und kulturelle Inhalte aber sind ausgeschlossen. Und dies wirkt letztlich befremdlich und pathetisch.

Statt Entspannung bringt diese "Wellness" Verspannungen, das Lachen erstarrt zur Grimasse.

Selbst eine rosarot gefärbte Wundercreme, die aus einer künstlichen Quelle entspringt, bringt da keine Linderung. Und so führt der entseelte Weg unaufhörlich weiter bis zur Selbstzerstörung, zum Aus-der-Haut-Fahren-Wollen: Wellness bis ins Grab.

Ö1 KULTUR AKTUELL, 5.8. 2011

Wellness - ThePerfectGarden
Uraufführung beim ImPulsTanz-Festival / Christian Fillitz
Textfassung: Walter Gerischer-Landrock


Im Palmenhaus im Wiener Burggarten fand die Uraufführung von "Wellness - ThePerfectGarden" der Compagnie Liquid loft/Chris Haring statt. Sicher eine der interessantesten Arbeiten des heurigen ImPulsTanz–Festivals.

Seit der Gründung der Cie. Liquid Loft 2005 hat der Choreograf Chris Haring immer mit Künstlern aus anderen Bereichen zusammengearbeitet. Zu den Gründungsmitgliedern zählen auch die Tänzerin Stephanie Cumming, der Dramaturg Thomas Jelinek und der Musiker Andreas Berger.

Wachsen und Gedeihen

"Wellness" ist die erste Produktion der Reihe "The PerfectGarden". Dieser Garten ist nicht nur botanisch zu sehen, es geht um das Wachsen und Gedeihen an unterschiedlichen Orten, wobei die wunderschöne Glashaus-Architektur des Palmenhauses den perfekten Rahmen abgibt.

Im Inneren gibt es eine weiße Spielfläche, die Zuschauer haben nur am Rande Platz, auf der Bühne stehen und hängen Skulpturen aus weißem Schaum - Wolken oder Pflanzen ähnlich - Werke des französischen Künstlers Michel Blazy -, in einem Bereich blubbern rosa Geysire, dazwischen bewegen sich die Tänzer, zwei Männer und fünf Frauen. Sie reagieren auf die Soundgebilde von Andreas Berger, die ihrerseits auch den Raum definieren.

Raum für Assoziationen

Reagiert die Musik auf die Tänzer oder umgekehrt? Oder haben die Akteure die Geräusche geschaffen die dann elektronisch verarbeitet wurden und auf die sie dann wieder reagieren? Verbindungen zu den Bewegungen sind jedenfalls vorhanden, da scheint ein herausgestreckter Bauch eigenartige, blubbernde Geräusche von sich zu geben, oder Gelenke scheinen zu krachen.

Doch die Abläufe bleiben fragmentarisch, der Zuschauer kann assoziieren, und vielleicht Bewegungen aus dem Wellness-Bewegungsbereich erkennen. Und das ist ja der Titel der Produktion.

Eine gelungene Produktion

In diesem Raum aus Architektur, Licht, Sound und Schaumskulpturen bewegen sich die sieben Akteure. Liquid Loft arbeitet meist stark Raum-bezogen, etwa im Wiener Semperdepot, es gab einmal eine Trilogie, genannt "Posing Project", die sehr statisch war. Hier ist viel Bewegung.

"Wellness" dieser ersten, sehr gelungenen und lang applaudierten Produktion von "The Perfect Garden" sollen weitere, an anderen unterschiedlichen Spielorten, folgen.

WIENER ZEITUNG ONLINE, 5.8. 2011

ImPulsTanz: Chris Haring hinterfragt Modetherapie "Wellness"
Wohlfühlen als Credo / Christina Köppl


Wellness in der blubbernden Schaumwelt.

Wenn Wellness darauf steht, muss Wellness drinnen sein. Dass der Begriff Wellness Erwartungen weckt, selbst wenn es sich dabei um den Titel eines Stückes handelt, zeigte der große Besucherandrang Donnerstagabend im Palmenhaus des Burggartens. Die Nachfrage überstieg die Kapazität an Sitzplätzen und zwang viele Zuschauer, sich auf den Boden zu setzen.

Im fast palmenfreien Palmenhaus dominierte weiße Nacktheit und wolkenähnliche, blumig duftende Schaumgebilde: Ein paradiesischer Rahmen für die sieben Tänzer, die einer nach dem anderen, spärlich bekleidet, die freie Bühne betraten.

Verdauungstänze

Ihre Bäuche heben und senken sich, so als ob Nahrung in ihren Mägen hinunterwandern würde, nur begleitet von Geräuschen, die das Verdauen signalisieren sollen. Nach und nach verwandelt sich dieser kollektive Genuss- und Verdauungsprozess in ein gegenseitiges Abtasten, so als würde man die Befindlichkeit des anderen prüfen. Die Bewegungen, die anfangs noch sehr kantig und verhalten wirken, werden mit jedem Handgriff fordernder und einnehmender und gehen schließlich in ein weiches zärtliches Streicheln über.

Einzelne Tänzer agieren wie Animateure, bringen neue Bewegung oder einen Ausdruck ins Spiel, welcher sofort unreflektiert von den anderen Performern übernommen wird. Und so folgt dem kollektiven Einrenken, Verdrehen und Dehnen, ein kollektives Kratzen und Lachen, was schließlich in einer Kussorgie des gemeinsam praktizierten Wohlfühlglücks endet. Das Geschäft mit der Befindlichkeit ist zu einem Markt geworden.

Der österreichische Choreograph Chris Haring wirft in seinem jüngsten Stück "Wellness - The Perfekt Garden" mit seiner Kompanie Liquid Loft das im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals seine Erstaufführung feierte, einen sarkastischen Blick auf diese zum Trend gewordenen Wellness-Maschinerie. Das Ambiente dazu bietet der von dem bildenden Künstler Michel Blazy perfekt angelegte Fantasiegarten im Wiener Palmenhaus - übrigens eine der ersten Stationen der Performance-Reihe "The Perfekt Garden" der beiden Künstler.

Doch Haring lässt den Traum der perfekten Welt wie eine Seifenblase platzen. Da, wo Wohlbefinden für den einen beginnt, fängt Schmerz für den andern an. Die kollektive Wellnessmanie ist nur Schaum, bei dem schließlich die Bedürfnisse des Einzelnen oft zu kurz kommen. Aber wer würde schon zugeben, dass die verordnete Wellness-Therapie nichts gebracht hat? Wie auf der Bühne die Performer, macht man ein strahlendes Gesicht zum bösen Spiel. Das ist well.

DER FALTER, 3.8.2011

 20110803_Falter_ChrisHaring.pdf  (1.03 MB) 
Chris Haring im Interview mit Wolfgang Kralicek


WIENER ZEITUNG, 2.8.2011

Der Fixstarter des ImPulsTanz-Festivals, Chris Haring, im Gespräch
Favoritner Wohlgefühl / Verena Franke


Wien. Ein riesiges blaues Tor auf der Laxenburgerstraße in Wien-Favoriten lässt nicht erkennen, was sich dahinter verbirgt. Öffnet man es, so bleiben die lärmenden Alltagsgeräusche Favoritens hinter einem, und vor einem liegt ein verwachsener Altwiener Hof, in dem elektronische Musik erklingt. Es ist ein blaues Tor in eine andere Welt, nämlich in jene von Chris Haring. Der österreichische Choreograph hockt in seinem hellen Proberaum in blauem T-Shirt und Khakhi-Hose, hinter ihm ein fast geordnetes Chaos an Kleidern, Schuhen und Taschen, vor ihm seine sieben Tänzer. Sie räkeln sich in bunter Unterwäsche am Boden, Haring gibt ihnen englische Anweisungen: „Touch your belly, very good.” Und er lacht, amüsiert sich über seine jüngste Choreographie „Wellness”, die am Donnerstag bei ImPulsTanz Premiere feiern wird.

Harings Sarkasmus und Humor sind die Grundnahrungsmittel seiner Stücke und offensichtlich auch bei den Proben omnipräsent: „Anders geht es nicht. Wenn witzige Dinge im Moment der Probe entstehen, dann motiviert das enorm”, so der 41-Jährige. Harings Arbeit basiert großteils auf der Frage, warum wir eigentlich tanzen. „Dafür brauche ich einen intellektuellen Input, und wenn ich diesen kapiere, kann ich es im Kontext sehr weit treiben. Was übrig bleibt, ist der Tanz. Das ist wie sezieren.” Manchmal findet er mit seinem Ensemble Liquid Loft keine Gründe, um zu tanzen. „Dann entstehen Stücke, in denen wir halt mehr stehen.”

Der Durchstarter
Chris Haring ist Dauergast bei ImPulsTanz.


Chris Haring, geboren im burgenländischen Schattendorf, zählt inzwischen zu den Fixstartern beim jährlichen ImPulsTanz-Festival. „Ein Fixstarter? Ein Fixstern!”, meint er wieder lachend. Doch damit hat er nicht unrecht, wurde er bereits 2007 mit dem Goldenen Löwen der Biennale in Venedig ausgezeichnet. „In der Welt, in der wir uns bewegen, ist es mehr wert, wenn die Sparte an sich eine Anerkennung bekommt. Zu meinen Kollegen brauche ich damit nicht hausieren gehen.” Doch Personen, die Festivals organisieren und Gelder aufstellen, würden danach schon ihre Auswahlkriterien treffen. Apropos Gelder. Wie steht es für Tanzschaffende in Österreich? „Schlecht”, antwortet Haring kurz, sein Lachen verschwindet. „Das Budget ist gleich geblieben. Im Endeffekt ist es aber weniger geworden, denn die Inflationsrate ist gestiegen. Wir haben großes Glück, weil wir die Vier-Jahres-Subvention der Stadt Wien bekommen”, so Haring weiter. So könne er vorplanen, Performer einladen und alles fixieren. Sozusagen ohne böse Überraschungen, wenn dann doch eine Unterstützung nicht zustande kommt und auch die Tänzer im engagementlosen Raum schweben.

Nicht nur das finanzielle Wohlbefinden seiner Künstler ist Haring wichtig. Die Atmosphäre bei den Proben ist locker und freundschaftlich, seine fixe Tänzerin Stephanie Cunning verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung in den freien Abend. „Mit Steff arbeite ich seit achteinhalb Jahren zusammen. Ihr kann ich nichts mehr sagen, ich glaube, sie würde mich auslachen”, scherzt Haring.

Rasante Modetherapie

Auch in „Wellness” ist sie mit dabei, setzt seine Ideen um: „Ich werfe auf jeden Fall einen zynischen Blick auf die Modetherapie ,Wellness. Denn Wellness heißt immer jetzt und sofort: Ich trinke das Joghurt und mir geht’s besser, ich setzte mich auf diesen Stuhl und meine Rückenschmerzen sind weg.” Die neue Serie nennt Haring „The Perfekt Garden”, ein Thema, das in der bildenden Kunst seit Langem behandelt wird. Michel Blazys gestaltet das Bühnenbild und „er arbeitet mit dieser Gartenidee des wachsen und gedeihen lassen, aber auch vergehen lassen. Da passt Wellness sehr gut dazu, denn es ist nichts anderes als eine Verdichtung und Kompression des Wohlfühlens ist das Ergebnis”, sagt Haring. „Aber wir werden keine Bäume tanzen lassen.”