fotos: chris haring, michael loizenbauer
video: michael loizenbauer
Der Körper verliert seine Konsistenz und lebt von der Maskerade, dem Wortschwall und von einer sich ständig verschiebenden Identität, die das persönliche Schicksal auf Schritt und Tritt begleitet. Wenn wir jedoch Textblöcke als Skulpturen begreifen können, als kinetische Plastiken schwingender Luft, dann umschiffen wir das Problem des Verstehenmüssens und finden uns wieder in einer Installation aus Syntax Errors, Over-Morphing, Sound-Poetry, Non-Sense, Lautmalerei - kurz: Klang gewordenen „Nichtssagendem“ als lingua franka der Turmbauer zu Babel.
Talking Matroschkas oder Ein kleiner Turmbau zu Babel
Fritz OstermayerDie Glossolalie der christlichen Antike, die écriture automatique der Surrealisten, das Gegrunze im Black Metal – das sind nur einige der zahlreichen Sprech/Schreibakte des sich Findens im Verlieren, der Willenspreisgabe bei erhofftem Erkenntnisgewinn - oder wie der Volksmund sagen könnte: des G’scheiterwerdens durch Blödstellen. Modernere Talking Heads haben ihren Platz im Web gefunden. Aus den sozialen Netzen dröhnt das vielstimmige Gebrabbel simulierter Kommunikation, das auf die alten Unterscheidungen von Original und Kopie, Vorbild und Abbild, Reailität und Imagination pfeift und sich lieber in einem unsicheren „Dazwischen“ einnistet. Getwittert wird ein status quo von Identität, die morgen schon wieder eine ganz andere sein wird. Im biblischen Sinne der „Zungenredner“ könnten wir glauben: wir werden vom Web 2.0 gesprochen – es spricht uns Talking Heads nach der jeweiligen Online-Gesetzen.
Der Begriff Talking Head erinnert nicht nur an eine der erfolgreichsten New Wave Bands der 1970/80er Jahrzehntwende, sondern auch an den Bildausschnitt eines Kamera Close-Ups auf den Sprechenden. In Anlehnung an das Cinema Vérite inszeniert sich der Selbstdarsteller im leeren Geschwätz, der ernsthafte Reporter im Newsroom oder der Künstler mit seinem Werk. Der Körper verliert seine Konsistenz und lebt von der Maskerade, dem Wortschwall und von einer sich ständig verschiebenden Identität, die das persönliche Schicksal auf Schritt und Tritt begleitet.
Was aber spricht einen Kopf von klarem Verstand (no religion, no drugs), dessen experimentelle Vorgabe es wäre, in diversen Jargons des Sprechens zu improvisieren? Z.B. im Soziologen-Sprech von Prekariatsforschern, im Tech-Talk von IT-Kapazundern, im BWL-Slang neoliberaler Wirtschaftsanbeter oder auch – wir nähern uns unserer Sache: im poststrukturalistischen Diskursfieber von Tanztheoretikern. Spricht, wenn so ein Experte die Stimme erhebt, aus ihm allein das Wissen mit dem ihm spezifisch zugeordneten Vokabular oder wird nicht auch er zu einem nicht geringen Teil von seinem Fach-Jargon gesprochen? Wir meinen: ja, er wird. Nicht zuletzt aus Selbstschutz wollen wir das annehmen, sonst wären ja wir die Blöden ...
Auch wenn man alle Formen plumpen Parodierens außen vor lässt, so verlockt jede Expertensprache allein schon ob ihres Exklusionscharakters zu demokratischer Widerrede; sei es in Form von ironischer Unterwanderung ihres Herrschaftsgestus oder aber durch ihre Transformation auf andere Felder der Repräsentation, wo es sich dann nicht mehr so leicht „schwadronieren“ lässt beziehungsweise wo die immer auch mitschwingende „heiße Luft“ schneller erkennbar wird. Zum Beispiel in diskursiven Versuchsanordnungen zweier tanzender Talking Heads auf der Bühne.
Da sind also zwei Figuren im weißen Feld, ein Mann und eine Frau. Und da sind ihre live gemorphten Zerrbilder als an die Wand geworfene Projektion grotesker Uneigentlichkeit. Stellen die beiden Wissenschaftler dar? Architekten? Installationskünstler? Ihrem Reden nach könnten sie eine zeitlang als Repräsentanten dieser Berufszuschreibungen durchgehen. Zumindest so lange, bis Bewegung/Tanz in die Sache kommt und die Körper plötzlich von etwas anderem reden als die Münder. Und man allmählich erkennt: hier agieren Stellvertreter von Stellvertretern von Stellvertretern. Oder Avatare als russische Matroschkas, jene fälschlicherweise oft auch als Babuschkas bezeichneten Holzpuppen in Holzpuppen, deren Serialität durch Selbstähnlichkeit ebenso bestätigt wie durch stetige Verkleinerung konterkariert wird.
Diese Dichotomie von Serialität prägt ja auch fachspezifische Diskurse, dessen Vokabular von Symposium zu Symposium allmählich einen immer selbstähnlicheren Charakter ausbildet, der schließlich als Jargon wie eine unverstandene, aber trotzdem irgendwie vertraute Fremdsprache auch dem interessierten Laienpublikum (uns Halb- bis Viertelgebildeten) halbwegs verständlich erscheint. Zumindest ahnen wir, wovon die kryptische Rede sein könnte (mein ganz persönliches Lacan-Dilemma!). Wenn wir jedoch Textblöcke als Skulpturen begreifen können/dürfen, als kinetische Plastiken schwingender Luft, dann umschiffen wir das Problem des Verstehenmüssens und finden uns wieder in einer Installation aus Syntax Errors, Over-Morphing, Sound-Poetry, Non-Sense, Lautmalerei - kurz: Klang gewordenen „Nichtssagendem“ als lingua franka der Turmbauer zu Babel.
Pixel nennen wir den „diskreten Abtastwert“ digitaler Signalverarbeitung. Wenn von „einem Pixel Breite“ die Rede ist, dann meint das den Abstand zwischen zweier dieser kleinsten Einheiten einer Rastergrafik, also: das Nichts dazwischen, das stets so groß oder größer als das Pixel selbst ist. Erst Millionen Pixel sprechen zu uns als Bild/Grammatik. Die gewaltige Nichtinformation der „Pixelbreite“ aber spricht genauso, nur halt als Blindtext von Information und Kommunikation. Vielleicht sind die Frau und der Mann im weißen Feld performative Pixel samt notwendigem Blindtext als Mikrosamples eines Bildes, das erst entzifferbar wäre, wenn sich der „diskrete Abtastwert“ ins Unendliche multiplizierte und somit „Wirklichkeit“ wiedergäbe. Denn bei der Darstellung der Abtastrate einer Bild/Ton-Auflösung haben wir es auch im besten Pixel-Universum nur mit einer „Annäherung an die Wirklichkeit“ zu tun. Mehr ist nicht drin, versichern uns die Reproduktionstechniker.
Schön aber schon, dass die Jahrhunderte lange averbale Kunst des Tanzes just in dem Moment ins Stottern geraten musste als umgekehrt endlich auch das Sprechen in Diskursen Tanz werden konnte ...
