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Posing Project A

The Art of Wow

Die Welt, 25.5.2010

Perfektes Posieren ergibt die Magie des "Wow!" / Irmela Kästner

Lautsprecherboxen pendeln über einer schwarzen quadratischen Fläche, um die herum die Zuschauer auf dem Boden Platz nehmen. Klang- und Wortfetzen tanzen. Der Raum schwingt. Sobald die Atmosphäre sich beruhigt hat, treten nacheinander die fünf Tänzer in die Mitte, zucken, zittern, lassen ekstatisch die Hüften kreisen, kokettieren mit aufreizenden Blicken.
Ihr Stichwort bekommen sie von oben aus der Box über ihnen, plappernde Sätze, zu denen sie synchron die Lippen bewegen, ein kieksendes Kichern, das ihre biegsamen Körper in extravertierte Posen zwingt. Dann und wann breitet sich ein anerkennendes "Wow" aus. Live Art im besten Sinn zeigt die Tanzinstallation Posing Project A - The Art of Wow des Wiener Choreografen Chris Haring mit seiner Compagnie Liquid Loft beim Festival auf Kampnagel.
Haring arbeitet mit einem erweiterten Begriff von Choreografie in einem umfassenden Verständnis von Bewegung. Wie der Name der Compagnie schon sagt, verflüssigen sich die Grenzen zwischen den Genres. Das trifft gleichermaßen auf die Idee vom Körper zu. Es sind Körper, die sich entäußern und gleichzeitig besessen sind, fremdbestimmt und eigensinnig, vor allem aber unendlich durchlässig. Die Pose wechselt zwischen äußerer Projektion und innerem Impuls, greller Künstlichkeit und tiefer Beseeltheit.
Diese Körper sprechen mit vielen Stimmen und setzen dabei, wie gemalt mit dem festen Strich eines Comic-Zeichners, mit einer Geste, mit einem Grunzen urkomische Akzente. Oder sie nehmen sich eine Auszeit, schieben trotzig wie ein Kind den Bauch raus, ziehen das T-Shirt über den Kopf, stehen krumm wie ein Fragezeichen da - und spielen einfach mal weg sein. Die fein austarierte Gesamtkomposition lebt von der kongenialen Zusammenarbeit von Haring, dem Elektrosoundbastler Andreas Berger und den wundervollen Tänzern, allen voran Harings langjährige Muse Stephanie Cumming.
Liquid Loft beweisen, dass sie sich eben durch und durch auf die Magie des Wow verstehen. Somit wurde der zweite Teil des mittlerweile auf drei Teile angewachsenen "Posing Project" bereits mit dem Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig ausgezeichnet. ik

DER STANDARD, 6.4.2007

Unsere monströsen Posen: "Posing Project A" im Tanzquartier Künstlerisch-empirische Posenforschung: Der österreichische Choreograf Chris Haring beeindruckt mit seiner jüngsten Arbeit / Helmut Ploebst

Wien – Das Sich-in-Pose-Werfen in wechselseitigem Imponiergehabe gehört zum Alltagsgeschäft des Durchschnittsmenschen. Diese Selbstent- und auch -wegwürfe nimmt der österreichische Choreograf Chris Haring in seiner jüngsten Arbeit "Posing Project A" mit dem Zusatztitel "The Art of Wow" im Tanzquartier Wien auf die Schaufel.

Profi-Durchschnittstypen wie Paris Hilton oder Arnie Schwarzenegger posieren sich Publicity herbei, die ihnen Beachtung verschafft. So wird man zum Star, zum Politiker oder zu beidem. Der gemeine Durchschnitt dagegen ringt um kleinere Aufmerksamkeiten. Zu Hause, unter Freunden und am Arbeitsplatz. "Eindruck schinden" ist mehr denn je die Schale jeden Berufs, weil ja die eigene Performance "high" sein muss.

Das gilt auch für alle schillernden Kunstkreise, wo die Posendichte bekanntlich geradezu atemberaubend sein kann. Das Wort "Ästhetik" stammt aus dem griechischen Begriff für Wahrnehmung. Und Hand auf welches Körperteil auch immer: Jeder ist ein Ästhet. Wer die Aufmerksamkeit der Sinne erregen oder schenken will, gockelt für oder giert nach Attraktionen, sucht auf Bildern zu sein oder solche zu machen, entert oder beklatscht diverse Bühnen, gibt Laut oder lauscht dem guten Ton. Das alles ist in Harings Stück geladen.

Dort posieren fünf Tänzerinnen und Tänzer (highest: Stephanie Cumming und Alexander Gottfarb) als monströse Catwalker, die das alltägliche Posieren in seinen Grundsubstanzen vormachen. Und diese Stoffe sind grotesk, unheimlich und komisch. Gestische, verbale und musikalische Zitate werden komprimiert, verzerrt, zerrissen und neu zusammengesetzt. Alles Sprechen passiert nur noch als Synchronisation. Die Darsteller agieren als Marionetten einer Soundinstallation aus von der Decke hängenden, schwingenden Lautsprechern und einem kleinen Kollegen, der auf dem Boden quäkt.

Der Tanz dient dabei als Fundgrube für künstlerisch-empirische Posen-forschung, die von den Tänzern mit abgeklärter Distanz in Reflexionen über die Unendlichkeit des Peinlichen übersetzt wird. Denn Tanz selbst kann so ungeheuerlich peinlich sein wie das Schauspiel auch: Dort, wo der Durch-schnitt herrscht, gibt die Pose gern den Ton an. Haring konnte also – mit seinen Kollaborateuren Thomas Jelinek (Dramaturgie), Andreas Berger (Sound) und Katherina Zakravsky (Text) – in Kunst wie Alltag aus dem Vollen schöpfen. Dabei treten die Tänzer dem Publikum nicht einmal nahe. Sie kitzeln lediglich den Posenschatz, sodass es öfter lachen muss.

Grundmotive sind albernes Kichern und kess nach vorne geschobene Becken, verhüllte Gesichter oder Grimassen, Wortmüll und Kommunikations-schrott. "Wow!" heißt es ja auch im Werbespot einer großen Softwarefirma.

Der Standard, 06.04.2007

Helmut Ploebst / Englisch summary by Liquid Loft

Dance as a repertory for artistic-empirical research of poses, translated in a detached form of distance into a reflection over the infinity of embarrassing situations. For dance can be as flagrantly embarrassing as drama also: where there is average, poses are very much likely to call the tune. With collaborators Thomas Jelinek (dramaturgy), Andreas Berger (sound) and Katherina Zagrafski (text) Haring was able to draw on unlimited resources – as well as from the arts as from everyday life. And the dancers don't even get too close to the audience. They merely tickle their resources of poses, provoking laughter. 


Tanz.at, 06.04.2007

Perfekt posiert - Chris Haring erzählt von der Kunst der Selbstdarstellung, die TänzerInnen unterhalten mit ihrem Imponiergehabe / Ditta Rudle

Sanft schwingen die12 Mikrofone vom Plafond, noch ist die Arena leer, das Publikum sitzt auf dem Boden. Chris Haring mag das, auch die KonsumentInnen sollen den Körper spüren. Die wunderbare Stephanie Cumming betritt in Jeans und T-Shirt den leeren Raum und beginnt uns zu verführen indem sie posiert. „Look at me and say Wow!“ Wow. Am Ende aber verbirgt sie ihr Gesicht, zieht sich das T-Shirt über den Kopf, verschwindet.

Drei Tänzerinnen (neben der Cummings, Katharina Meves und Anna Maria Nowak) und zwei Tänzer (Luke Balo, Alexander Gottfarb) produzieren sich wechselweise auf ihre ganz spezielle Art. Die Frauen verführerisch, erotisch, fragend; die Männer akrobatisch, lärmend, einander übertrumpfend, an behaarte Regenwaldbewohner erinnernd. Alle wollen sie Eindruck schinden, sich selbst darstellen, Aufmerksamkeit erregen, geliebt werden. Die Methoden sind unterschiedlich, das Ziel dasselbe. Sie erreichen es alle Fünf, mit kleinen und großen Gesten, mit Körper- und Stimmeinsatz (teilweise aus den Lautsprechern tönend), virtuos und einfallsreich. Vergessen ist der krumme Rücken, zumal es auch immer wieder einiges zu lachen gibt. Die PerformerInnen kommunizieren mit dem Publikum auf fast intime Weise, aber nicht miteinander. Sind sie zugleich auf der Bühne, machen sie sich unsichtbar, verstecken ihre Individualität unter den über den Kopf gezogenen bunten Shirts. Ein ebenso trauriger wie ästhetischer Anblick.

Haring hat mit Thomas Jelinek an der Dramaturgie gearbeitet, sodass dieser erste Teil seines Posing Projects, das aus einer Serie mehrerer Arbeiten zum Thema Selbstdarstellung besteht, einen flüssigen Ablauf zeigt, niemals langweilt und durch Ironie und Selbstdistanz auch unterhält. Andreas Berger (Glim) ist für die Soundcollage aus den Stimmen und Lauten der DarstellerInnen, einem Chanson von Jane Birkin und elektronisch erzeugten Geräuschen verantwortlich. Dass die den TänzerInnen zugeordneten akustischen Passagen exakt und synchron aus den über den Köpfen hängenden Lautsprechern tönten, trug wesentlich zum Gelingen dieses Abends bei.

Nach knappen 60 Minuten wissen wir, was die Figuren uns anzubieten haben, in Gedanken können wir uns eine aussuchen. Während die Mikrofone wieder sanft zu schwingen beginnen, denke ich an Venedig. Dort, während der Biennale 07, zeigt Liquid Loft den zweiten Teil des Posing Projects: „The Art of Seducation“. Ein befriedigtes Wow könnte auch dann angebracht sein.

Tanz.at, 6.4.2007

Ditta Rudle (English Summary by Liquid Loft)

They all want to impress, display themselves, attract attention, be loved. Their methods differ, yet the aim is the same. All five of them reach it with gestures small or big, by using their bodies and voices (sometimes from loudspeakers), performed with virtuosity and resourcefully. The performers communicate with the audience nearly in an intimate way, but not with one another. They are on stage at the same time, make themselves invisible, hide their individuality under colorful t-shirts put over their heads. An impression equally sad and aesthetic.


APA, 05.04.2007

Die Kunst des Be-Eindruckens: Chris Haring im Tanzquartier
Uraufführung von "Posing Project A / The Art of Wow" öffnet
virtuos virtuelle akustische Räume /  Birgit Lehner


Dass Chris Haring die Kunst des Beeindruckens beherrscht, hat der österreichische Choreograf und Tänzer schon vor Jahren in seiner weltweit erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Klaus Obermaier unter Beweis gestellt. Um die Kunst des Be-Eindruckens geht es auch in seinem am Mittwoch im Tanzquartier Wien uraufgeführten neuen Stück "Posing Project A / The Art of Wow". Nach virtuellen visuellen Welten öffnet Haring darin nun - witzig und nicht minder virtuos - virtuelle akustische Räume.


Nur wenige Sekunden oder gar Bruchteile davon hat man bekanntlich Zeit, um einen bleibenden Eindruck bei seinem Gegenüber zu hinterlassen - da geht man besser mit vorgefertigten Posen auf Nummer Sicher statt auf Risiko mit Improvisationen zu setzen. Die Methode des Posierens als ein Grundmuster der Kommunikation ist Ausgangspunkt des auf einen längeren Zeitraum konzipierten "Posing Project", einer Serie mehrerer Arbeiten, die sich mit der Kunst der Selbstdarstellung auseinander setzen.

In "The Art of Wow", dem Auftakt der Reihe, üben sich fünf Tänzer und Tänzerinnen (Luke Baio, Stephanie Cumming, Alex Gottfarb, Katharina Meves, Anna Maria Novak) im effektvollen Eindruck Schinden: ein Panoptikum grotesker Miniaturen, vom Balzgehabe zweier Gockel zum Showdown dreier Disco-Dancing-Queens, bei dem die bis ins Karikaturhafte übersteigerte Körpersprache auf humorvoll entlarvende Weise mit der Lautebene kollidiert. Die Figuren wirken wie ferngesteuert von den von der Decke baumelnden Lautsprechern (Bühne: Aldo Giannotti, Sound: Andreas Berger), aus denen überhöhte, verfremdete Sounds, Textfragmente und Musik eingespeist werden - in einer Präzision des Zusammenspiels, die das Stück fast zu einer Art Tanz-Sprechoper macht, in der sich schräger Humor die Waage hält mit poetischen Bildern und berührenden Stimmungen.

Über seinen neuen choreografischen Arbeitsansatz gibt Haring im Rahmen der Tanzquartier-Interviewserie "High Noon" Auskunft: "Ich gehe davon aus, dass sich jede Person in einem eigenen Klangkörper bewegt, d.h. sie ist akustisch wiedererkennbar an Sprache, Rhythmik, Lautstärke, Tempo, Pausen, Tonhöhe, Temperament, u.s.w. In unseren Projekten nehmen wir Geschichten oder oft nur Klänge und Laute der Tänzer und Tänzerinnen auf, lassen sie über bestimmte Themen reflektieren oder benutzen ihre Stimmen, um vorgegebene Texte wiederzugeben. Das aufgenommene Material wird gespeichert und wieder über Lautsprecher an sie zurückgegeben. So arbeiten sie in ihrem eigenen akustischen Raum, der manchmal zusätzlich verfremdet oder manipuliert wird. Die reale Person im virtuellen Sound Environment - sie synchronisiert und tuned sich selbst. Das erzeugt, wenn's funktioniert, eine faszinierende Bewegungssprache und öffnet ein weites Improvisationfeld."


Die heutige zweite Vorstellung der "Art of Wow" wurde übrigens, begleitet von einem anschließenden informellen Empfang, ausgewählt, um der neuen Kulturministerin Claudia Schmied (S) einen Eindruck von der heimischen Tanzszene zu vermitteln. Der zweite Teil des "Posing Project" mit dem Untertitel "The Art of Seduction" erlebt seine Uraufführung bei der Tanz-Biennale in Venedig (14. bis 30 Juni), die heuer unter dem Motto Body & Eros steht.

Corpus, 05.04.2007

CHRIS HARING: "POSING PROJECT A / THE ART OF WOW"
Die beiden Tänzer und drei Tänzerinnen in Chris Harings jüngstem
Artificial-Body-Coup


"Posing Project A / The Art of Wow" stellen sich der Reflexion eines Wahns, dessen Methode uns alle eint: Wir sind, wie wir uns vorstellen. Und sie tun das mit einem obszön wirkenden Witz, gnadenlos undidaktisch. Alle Dialektik findet erst in den Köpfen, den Assoziationen und Übersetzungen der Zuschauer statt. Das Posieren zur Umsetzung der sozialen Lebenspraxis ist, was sie scheint, entweder noch gewitzt oder schon lächerlich. Jedenfalls ist es zur Norm geworden. Im "Posing Project A" wird diese Norm so dekonstruiert, daß der Humor diese Zerlegung immer wieder torpediert. So wird die Performance der Pose in die Pose der Performance überführt, und es entsteht eine Rückkoppelung, in der „The Art of Wow" schwingt wie die Lautsprecher, die von der Decke baumeln. Das Stück bietet eine diskursive Party für den Blick, eine fröhliche Wissenschaft für das Denken und die Einladung, den Terror der neuen gesellschaftlichen Zwänge ironisch zu hintertreiben. Ein „Posing Project B / The Art of Seduction" wird es auf der Biennale in Venedig gezeigt.