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Fremdkörper

Performance

Tanzjournal 06/2003 /  Irmela Kästner

Wohin geht die Bewegung, wenn sich der selbst fremd gewordene Körper im Unbekannten neu (er)finden will? Zunächst tritt sie auf der Stelle, kreist im Zeitlupentempo um sich selbst, windet sich wie eine Schlange, die ihre zu eng gewordene Haut abzustreifen sucht. Der österreichische Choreograph Chris Haring zeigt sich erneut fasziniert von der Erprobung hybrider Daseinsformen eines von Technik durchzogenen Körpers – eines Cyborg-Körpers. Doch anders als in den Video-Tanz-Produktionen D.A.V.E. und Vivisector richtet sich in seinem im Tanzquartier Wien uraufgeführten neuen Stück Fremdkörper der Blick nicht auf die Schnittstelle von bildlicher Virtualität und körperlicher Realität, sondern direkt und ausschließlich auf die Bewegung des Körpers aus Fleisch und Blut.

Ausgestellt im gleißenden Scheinwerferlicht – gewissermaßen auf dem Präsentierteller -, manövrieren sich zwei Tänzerinnen und drei Tänzer wie ferngesteuert durch verzerrte Posen. Fünf androgyne Wesen, bekleidet einzig mit einem hautfarbenen, dunkel abgesetzten Slip, ein jedes fest im Bann eines scharf abgezirkelten Lichtkreises, den es nicht verlassen wird. Künstlich, dann wieder anrührend menschlich, mitunter fast göttlich erscheinen die Figuren, wie sie unangestrengt von einem energetischen Zustand in den nächsten gleiten. In einem sechsten Kreis hält ein Monitor den körperlosen Kopf der beteiligten Kulturtheoretikerin Katharina Zakravsky gefangen, die unter flackernder Bildstörung die teils von ihr verfassten Texte spricht. Und gleich wird klar: Das Ganze ist ein Test. Menschlichkeit steht auf dem Prüfstand.

»Cyborg moves« nannte sich eine von Haring und der bildenden Künstlerin Birgit Sauer geleitete Werkstatt im Januar dieses Jahres in Hamburg, aus der das Bühnenkonzept der Lichtkreise in Fremdkörper übertragen wurde. Damals lagen die Darsteller in einer abschließenden Performance noch regungslos und wie aufgebahrt am Boden. Der nun erfolgte Aufbruch in die Bewegung ist Selbstvergewisserung, Entdeckungsreise und Kuriositätenschau in einem: hypnotisch, wunderschön, virtuos, zugleich poetisch und abstrakt. Ein Tanz, der sich der Darstellung und Repräsentation weitgehend verweigert und doch geschickt damit spielt.

Und wenn jetzt im morbid-charmanten Wien ein Zuschauer fragt, ob das Ganze irgend etwas mit Arnold Schwarzenegger zu tun habe, ist es kaum abwegig, mit Ja zu antworten. Steht Kaliforniens neuer Gouverneur doch wie ein Symbol für die perfide Mischung aus blendendem Körperkult, Geschäft und Politik, mit der gerade Hollywoods Traumfabrik weltweit Begehrlichkeiten weckt. Denn davon erzählt Fremdkörper, wenngleich nur in Anflügen von Bildern, die angerissen, flüchtig gestreift und sogleich wieder zerfallen, im Kopf des Betrachters dennoch haften bleiben, unterlegt und angetrieben von Peter Rehbergs flirrenden Sirenenklängen und chaotischen Soundattacken.

Das imposante Muskelspiel lässt sich am durchtrainierten Tänzerkörper kaum verbergen. Für Bruchteile von Sekunden sonnen sich dann die Darsteller unter den Blicken der Zuschauer, schauen wie die Werbeikonen von den Plakatwänden beseelt in ein verborgenes Paradies, um gleich darauf mit hungrigen Augen ihr Publikum schier in sich aufzusaugen. Intuitiv durchstreift Fremdkörper unterschiedliche Realitäten – in einem Körper, der das Vertraute permanent in Frage stellt. Das Verrückte ist: Je deutlicher die Bewegung bekannte Bilder repräsentiert – wie jene Andeutung von Diskotanz mit schwungvollen Beckenrotationen und rhythmischem Armschleudern, begleitet von einem aufreizenden Grinsen über die Schulter -, um so grotesker und künstlicher erscheint die gegenwärtige Welt, aus der sie selbstverständlich täglich auf uns einströmen.

Den Begriff Cyborg versteht Haring nicht im Sinn eines statisch-dualistischen Modells. Die Bezeichnung Maschinenmensch wäre zu kurz gegriffen. Für den Choreographen verkörpert der Cyborg ein politisches Konzept vom vielfältig fremdinfizierten Kulturwesen Mensch, das sich selbst reguliert und erneuert, dessen Zukunft Utopie und Verhängnis zugleich verspricht. Mit Stephanie Cumming, Julia Mach, Olaf Reinecke, Robert Tirpak und sich selbst hat Haring eine starke Tänzercrew aufgestellt. Persönlichkeiten, die in individuellen Soli überzeugend ihre ureigenen Körpergeschichten erzählen, wie bizarr diese auch manchmal aussehen mögen. Bei aller Reduziertheit kann man die Choreographie nicht minimalistisch nennen. Hochdramatisch aufgeladen, drängt sie jedoch weder auf Antworten noch auf Wertungen. Immer wieder sind die Protagonisten auf die Unbestimmtheit ihrer Existenz zurückgeworfen, die sie stets aufs neue zelebrieren. Bis hin zu einem abschließenden Sprung, bei dessen Rückkehr zum Tragenden Boden die Körper kopfüber mit verdrehten Gliedmaßen irgendwo zwischen Himmel und Erde hängen bleiben.

Tanzjournal 06 / 2003 München

To think of Schwarzenegger is not beside the point / Irmela Kästner (Translation by Katherina Zakravsky)

Where does movement go to if the body having become alien to itself has to invent itself anew within the unknown? First movement is stuck in its place, is circulating around itself in slow motion; and it is winding itself like a snake trying to slip out of a skin that has become too tight.

The Austrian choreographer Chris Haring is obviously again fascinated by the examination of hybrid life forms - life forms of a body pervaded by technology, a cyborg body. Different to the previous dance-video-productions D.A.V.E. and Vivisector the emphasis in this piece "Fremdkörper" that had its premiere October 2003 in Tanzquartier Vienna is not lying on the interface of visual virtuality and corporal reality, but focusing directly and exclusively on the movement of a body made of flesh and blood.

Exposed in the glaring spotlight - on a tray, so to speak - two female and three male dancers are maneuvering themselves through distorted poses in a manner close to being remote controlled - five androgynous beings dressed only in skin colored briefs with seams set apart in a darker color, each one held in the ban of a sharply defined circle of light he/she will never leave. Artificial, then touchingly human, sometimes almost divine these figures appear as they effortlessly slide from one energetic state to the next. In a sixth circle the bodiless head of the cultural theorist Katherina Zakravsky is being held captive by a monitor; [with the exception of a dialogue taken from Ridley Scott’s "Blade Runner"] she is speaking her own texts while interrupted by flickering distortions of the image. And soon it becomes clear: the whole thing is a test. Humanity is undergoing a thorough examination.

"Cyborg Moves" was the title of a workshop organized by Chris Haring and the fine artist Birgit Sauer in Hamburg January 2003 that led to the stage design of Fremdkörper. In the final presentation of "Cyborg Moves" the participants were still only lying on the floor - without a move, like laid out. To set out to movement again is an act of ascertaining and testing oneself. It is curiosity show and adventure trip at once: hypnotic, beautiful, masterly, at the same time poetic and abstract - a dance largely refusing representation and display, yet still skillfully playing with it.

Driven by Peter Rothberg’s whizzing siren’s sounds and chaotic sound attacks "Fremdkörper" is alluding to fleeting images of body cult associated to Austrian bodybuilder superstar Arnold Schwarzenegger who finally became Governor of California.

The well trained body’s impressive muscle play cannot be concealed. For seconds the performers are sunbathing under the spectators´ gazes, like commercial icons from the billboards they are soulfully looking into a secret paradise just to suck in the audience with hungry eyes immediately afterwards. Intuitively "Fremdkörper" is roaming through different realities - in a body permanently questioning the familiar. And the crazy thing about it is: the more distinct movement represents familiar images the more grotesque and artificial the present world producing these images appears - for example in an allusion to disco dancing with energetic hip rotation and rhythmical throwing of arms accompanied by a provoking grin across the shoulder.

By "cyborg" Chris Haring does not refer to a static, dualist model. The term "machine man" would get it wrong. For the choreographer the term "cyborg" embodies a political concept of the human being as a cultural existence infiltrated by various foreign influences regulating and reinventing itself and promising a future that might be both utopia and disaster. In Stephanie Cumming, Julia Mach, Olaf Reinecke, Robert Tirpak and himself Chris Haring has gathered a strong crew - personalities telling their own body histories in individual solos however bizarre they might appear. Despite all its reduction this choreography cannot be called minimalist. Highly charged with drama it does not ask for answers or evaluations. Time and again the protagonists are thrown back into the indeterminacy of their existence they do celebrate over and over again - until after a final leap their return to the floor head down with distorted limbs is leaving them suspended between heaven and earth.

Le petit Bulletin - Biennale de la Danse Lyon Oktober 2004

Der gebrauchsbestimmten Leidenschaft, der blendenden Schnelligkeit, dem virtuosen Bogen von Reflexen (?), der energischen und ausladenden Bewegung stellt der Tanz manchmal die ihm eigene Langsamkeit, sein Innenleben und seine virtuellen Körper gegenüber. Nie ist er zugleich so kraftvoll und so fesselnd. Davon konnten wir uns in der letzten Woche der Biennale gleich zwei Mal überzeugen - einer Biennale, die bis dahin unsere Erwartungen nicht immer erfüllt hat.

Der Tanz als "künstliche Mondsüchtigkeit" ist ein schönes Bild von Paul Valéry, das perfekt auf Chris Harings Stück Fremdkörper passt. Beim Eintreffen der Zuschauer liegen fünf Körper in embryonaler Haltung zusammengekauert auf der Bühne, jeder in einen gedämpften Lichtkegel eingeschlossen. Sie nehmen diesen Platz ein wie in einer tiefen Zeitfalte, warten nur auf die Präsenz unserer Blicke um sich in kaum wahrnehmbaren kybernetischen Metamorphosen zu entfalten.

Alles wird immer sehr langsam passieren und verbirgt doch eine unerhörte Schnelligkeit: immer noch regungslos, haben sich die fünf Tänzer bereits aufgerichtet; immer noch regungslos, haben sie bereits eine komplette Drehung um sich selbst vollzogen...

Wir haben nichts als Feuer (Licht) gesehen, hypnotisiert von ihren Posen in unterdessen weißlich strahlendem Licht, vom elektronischen Murmeln des Tonbands und vom magnetischen Feld ihrer Blicke. Durch unendlich kleine Veränderungen flüchtiger Gesten zergeht der Körper und befruchtet sich an der Maschine: Androidenkörper, Bodybuilder-Körper, ausgerenkte Körper, kranke, aber immer noch verkörpernde Körper, immer noch vom unauslöschlichen menschlichen Glanz gezeichnet. Der Tanz reduziert sich hier zu einer Bewegung des Blicks, zu einem Kopfnicken, einem Bruch im Handgelenk, einem bebenden Erröten, der Dislokation eines Körpergliedes... Aber welche Intensität in der Immanenz!

DER STANDARD, 14.10.2003

Das unaussprechlich Fremde
Chris Harings neues Stück "Fremdkörper" im Tanzquartier Wien / Helmut Ploebst


Wien - Der eigene Körper ist ein Fremdling, ein Migrant, der uns auf unserer Lebenswanderung ins Jenseits lediglich kathartische Erfahrungen wie Bauchweh beschert. So etwa ist es überliefert. Lediglich in Momenten der Lust fühlt der Mensch sich seinem Körper nah. Und dann tanzen die beiden zuweilen vor Freude, als wären sie eins.

Hinter Fremdkörper, der neuen Arbeit des Wiener Choreografen Chris Haring, die zuletzt im Tanzquartier Wien Premiere hatte, steckt eine andere Behauptung. "Tanz, das heißt die rigorose Unterwerfung des Körpers", steht da im Ankündigungstext, "bedeutet bereits eine extreme Entfremdung von sich selbst." Als Choreografie gibt Fremdkörper jedoch keine derart gewagten Behauptungen ab.

Fünf Figuren, jede in ihrem eigenen Scheinwerferkegel. In einem sechsten ein Videomonitor. Fünf Leiber jagen der Fremdheit in ihrer Körperlichkeit nach. Genauer gesagt, sie zeigen diese Jagd in einer Liveperformance vor. Die dramatische Verfolgung erschüttert, dehnt und verformt die körperlichen Erscheinungen der beiden Frauen und drei Männer. Und gerade diese Tänzerleiber, die vor den Augen des Publikums ihren Körpern nachhetzen, sind sich selbst vertraut genug, um eine so schwierige Aufgabe erfüllen zu können.

Das heißt: Die Darsteller können so nur tanzen, weil ihnen nur Weniges an ihren Körpern wirklich fremd ist. Der einzige Fremdkörper auf der Bühne ist der Videomonitor, der stotternd verschwommene Münder, Gestalten und Worthülsen spuckt. Er liegt in seinem eigenen Scheinwerferkegel wie das Relikt eines antiquierten Sci-Fi-Körperkonzepts. Im Verhältnis zu den tanzenden Jägern - die ihre Körper im Stück nie einholen, als Tänzer aber zur Gänze innehaben - bedeutet der Monitor die Niederlage des Cyborgmonsters. Tanz ist heute überwiegend ein Training hin zum eigenen Körper, gerade das Gegenteil von Selbstentfremdung. So fallen konzeptuelle Fantasie und choreografische Realität auseinander.

Gewinner auf der Bühne waren die Tänzer, vor allem Stephanie Cumming, deren wandelbarer Körper das unaussprechliche Fremde unbeschreiblich sichtbar macht.

Der Standard, 14.10.2003

The Inexpressibly Strange / Helmut Ploebst (Translation by Liquid Loft)

(...) "Dance, meaning the body's rigorous subjection" is one statement in the announcement to the piece, "is already referring to an extreme alienation of oneself." (...) Five characters, each on his/her own spotlight. A video monitor in the sixth spot. Five figures are hunting after the strangeness of their own corporeality. Or rather; they are presenting this hunt as a live performance.

The dramatic pursuit is shattering, stretching and distorting the physical appearances of the two women and three men. And precisely these dancing figures chasing their bodies in front of the eyes of the audience are familiar enough with themselves to fulfil this difficult task. That is: the performers can only dance like that because only very little about their bodies is really foreign to themselves. The only foreign body on stage is the video monitor stuttering blurred mouths, forms and phrases. It is lying in its spotlight like the relic of an anachronistic Sci-Fi body concept. In stark contrast to the dancing hunters never catching up with their bodies in one piece yet inhabiting them completely as dancers the monitor refers to the defeat of the cyborg monster. Dance today has to be considered a training in order to get hold of one's own body. Thus conceptual fantasy and choreographic reality disintegrate.
Winners on stage were the dancers, most of all Stephanie Cumming whose changeable body is making the inexpressible strange inexpressibly visible.

Kurier, 11.10.2003 / Andrea Amort 

(Extract)

...Haring hat sich mit Science Fiction Filmen und dem Cyborg Thema befasst und liefert mit FREMDKÖRPER einen weiteren Beitrag zur Diskussion um die Begrifflichkeit und das Selbstverständnis des Menschen und des Tänzers...and if we are not active we are just on standby mode" heißt es unter anderem. Einprägsamer können Parallelen von künstlich konstruierten Wesen zur psycho- physischen Kreatur namens Mensch nicht sein. In der Klarheit liegt die Dichte des Materials.

Kurier, 11.10.2003

Man is Alien to Himself / Andrea Amort

Alienation - for years this has been one of the the big issues that artists in contemporary dance are concerned with. In the hall G of the museumsquarter the choreographer and performance artist Chris Haring has produced the piece "Fremdkörper". With 5 performers and instructive contributions by the philosopher Katherina Zakravsky appearing in a monitor installation in a spotlight of her own.

Stephanie Cumming, Julia Mach, Olaf Reinecke, Robert Tirpak and Haring himself appear in bright white spotlights as remote from themselves. Twisted. Distorted. "Something" is moving their bodies in extreme slow motion clad in briefs only, "something" is turning their limbs screwwise, makes the already tense body look even harder. The arms of one of them are beating his upper body, are shoving the head, as if only loosely mounted, to the side. Pure action. Later on the characters are putting on a rigid smile accompanied by Peter Rehbergs thundering sound.

Chris Haring has studied Science Fiction films and cyborg issues. With "Fremdkörper" he delivers another contribution to the discussion about the conception and self-understanding of humans and dancers. " ... And if we are not active/ We're just on on a standby mode" can be hard among other things.
Parallels between artificially constructed beings and psycho-physical Creatures called humans cannot be displayed more impressively. In clarity lies the material's density.

Wiener Zeitung, 10/2003

Fremdkörper - Uraufführung von Chris Haring im Tanzquartier
Die Wiederentdeckung des Körpers / Verena Franke


Fünf Spots auf der dunklen Bühne in denen Stephanie Cumming, Julia Mach, Olaf Reinecke, Robert Tirpak und Chris Haring mit nacktem Oberkörper in Gegenüberstellung mit einem Monitor 60 Minuten lang die Entfremdung zwischen Mensch und Körper sowie das sukzessive Ertasten des eigenen Körpergefühls zeigen. Mit Hilfe extremer Körperbeherrschung der TänzerInnen gelang es dem Choreografen und Tänzer Chris Haring, mit seinem Stück FREMDKÖRPER, das am Donnerstag im Tanzquartier uraufgeführt wurde, die Themattik der Entfremdung den Zuschauern plausibel zu machen. Offensichtlich wurde Haring von Science Fiction Filmen inspiriert, denn die Atmosphäre erinnert an Alien: kalt und brutal. Haring verwendete in seiner Choreografie vor allem die Isolationen des Oberkörpers von extremer Langsamkeit bis hin zu virtuoser Geschwindigkeit, die ihre räumlich Beschränkung durch das Ende des Lichtkegels fanden...."

Wiener Zeitung, 10/2003

Rediscovering of the body / Verena Franke (Excerpt & translation by Liquid Loft)

(..)Thanks to the dancers extreme physical virtuosity the choreographer and dancer Chris Haring succeded in communicating the techniques of alienation in his piece FREMDKOERPER to the audience.