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Von den ersten Arbeiten an, Fremdkörper (2003) und Diese Körper, diese Spielverderber (2004) bricht Liquid Loft mit der Vorstellung, dass die Präsenz des Körpers in der Performance in irgendeiner Weise unmittelbarer sein könne als etwa die sprachliche Äußerung oder das mediale Bild. Liquid Loft misstraut jedem Eindruck von Natürlichkeit auf einer Bühne und fragt vielmehr nach den kulturellen Einschreibungen und choreografischen Mitteln, die diesen Eindruck hervorrufen.

Photos: Michael Loizenbauer, Chris Haring, Aldo Gianotti

 

Geleitet von einer Auseinandersetzung mit Science-Fiction-Literatur und Cyborg-Theorie reflektieren die frühen Arbeiten von Liquid Loft die Erfahrung, wie sich unsere Wahrnehmung und Körper durch visuelle Medien und den alltäglichen Gebrauch von Technik verändern. Die Choreografie verschiebt Perspektiven, isoliert gestische und auch sprachliche Muster aus gewohnten Zusammenhängen und versucht den fremden Blick auf den Körper in seine Bewegung zu integrieren. Zentral ist hierbei das Verfahren einer akustischen Dislozierung.

 

Diese akustischen Environments schaffen neue Denk- und Bewegungsräume für den Tanz. Sie verschieben und verändern das individuelle Klangumfeld, trennen die Stimme vom Körper, geben sie verfremdet zurück und erlauben den TänzerInnen neue, überraschende Möglichkeiten der Rekombination ihrer Ausgangselemente.

 

Mit seinen Verfahren der Dekonstrution und Rekonstruktion sowohl des tänzerischen Bewegungsmaterials wie der Perspektiven körperlicher Wahrnehmung hat Liquid Loft in den folgenden Arbeiten neue choreografische Handlungsfelder erschlossen. My Private Bodyshop und Kind of Heroes (2005) reflektieren den veränderten Umgang mit Sprache im kulturellen Kontext von Globalisierung. Runnig Sushi (2006) bringt das in der Performance unhintergehbare Moment körperlicher Präsenz in Kollision mit den veränderten Bildkonventionen japanischer Manga-Ästhetik, setzt den Körper der TänzerInnen gegen die Logik der schnellen Schnitte und der in der Geschwindigkeit der Animation scheinbar entkörperlichten Bilder. Die drei Teile des Posing Project - Posing Project A - The Art of Wow, Posing Project B - The Art of Seduction und Posing Project C - The Art of Garfunkel (2007/08) untersuchen das Arsenal von Gesten, Bildern und Täuschungen und ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen in einer Zirkulation des Begehrens.

 

Wintersonne (2008), der österreichische Beitrag zur Weltausstellung in Zaragoza zeigt scheinbar Bekanntes in einem fremden, neuen Blick und ironisiert die Stereotypen nationaler Selbstdarstellung im globalen Kontext. Lovely Liquid Lounge, und Das China Projekt (2009) die Zusammenarbeit mit dem Jin Xing Dance Theatre analysiert die soziale Zuschreibung von Geschlecht (gender) im Medium des Tanzes und untersucht das Bild des Exotischen in der Wunschproduktion europäischer Kultur. Das Faszinosum des Aussergewöhnlichen und Fremden in Bezug auf den Körper war letztendlich auch das ausschlaggebende Moment für die Zusammenarbeit mit den TänzerInnen des Ballet de Montecarlo (Sacre: The Rite Thing, 2010) bevor sich Liquid Loft wieder auf den Kern der Truppe konzentrierte und mit Talking Head (2010) Sprache als Skulptur bzw. als Bewegung begreift und sich dabei an der dünnen Schnittstelle zwischen dem realen Wunsch nach Identifikation mittels Selbstdarstellung und der irrealen, jedoch alltäglichen SkypeTwitterFacebook Welt bewegt.

 

Gemeinsam mit dem bildenden Künstler Michel Blazy (FR) entstand ab 2011 die Perfect Garden Serie, eine Reihe aus Live-Performances und Installationen, die sich mit künstlichen Paradiesen, barocker Dekadenz und Vergänglichkeit beschäftigen. Die Performance WELLNESS (2011) wurde ortsbezogen für das Palmenhaus im Wiener Burggarten entwickelt. Es folgte Mush:Room (2012), eine installative Performance, in deren Zentrum ein Kubus aus schillernden Klebefäden (Blazy) stand. Deep Dish (2013) bildete den dritten Teil der Serie: Installativ als opulentes Abendmahl aus organischem Material (Blazy) arrangiert, wird dieses, ähnlich dem surrealistischen Roman Locus Solus, zur Reise in visuelle Parallelwelten.

 

Die in Deep Dish begonnene Arbeit mit dem Mikro-und Makrokosmos auf Videoebene –von Liquid Loft "Live Choreographic Film" genannt– erweitert die Auffassung von Choreografie und des Theaterraumes an sich, angesichts eines fast vollständig medialisierten Alltagsgeschehens und der Instant-Produktion von Selbstbildern und erlebter Wirklichkeit. Die Integration der Kamera als Element der Choreografie wurde in der Imploding Portraits Inevitable Serie (2014-2016) noch weiter verfeinert und intensiviert. Inspiriert vom Filmschaffen Andy Warhols und der New Yorker Factory entstanden die Arbeiten Shiny Shiny... und False Colored Eyes (Kooperation mit dem Wiener Burgtheater und dem ImPulsTanz Vienna Int. Dance Festival).

 

Die Affinität zu aktuellen Positionen in der Bildenden Kunst haben zu einer Erweiterung der Arbeitsweise in Richtung Film (gemeinsam mit Mara Mattuschka) und Installation (u.a. mit Aldo Giannotti) geführt. Diese Expansion der choreografische Arbeitsweise in Medien und jenseits der Bühne erlauben es dem Tanz, sich im fremden Blick immer wieder neu zu entdecken, wie zB. in den "Living Room Products", einer Serie von Kunstinstallationen zum Thema Choreographie. Die Living Room Products wurden zum spartenübergreifenden (Musik, Film, Bildende Kunst, etc.) Experimentieren und mit dem Gedanken des Austausches in einer informellen Wohnzimmeratmosphäre ins Leben gerufen. 
Im Bereich zeitgenössischer Musik arbeitet Liquid Loft immer mit den Musikern des Phace Ensemble für zeitgenössische Musik und dem Komponisten Arturo Fuentes (Grace Note, 2012) zusammen.

 

Zu den internationalen Ensembles, mit denen Liquid Loft Bühnenstücke entwickelt, zählen u.a. Dialogue Dance Russland (Groza, 2012), Staatstheater Kassel (Lego Love, 2013), Ballett Moskau (Frozen Laugh, 2014). Derzeit arbeitet Liquid Loft an einer Neuinterpretation von Giselle mit dem Balletto di Roma (2016).

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